Die Lügen der Krimi-Autoren

Michael Tsokos über seinen neuen Thriller und Mythen der Rechtsmedizin.

Es gibt wohl kaum eine Abscheulichkeit, die bisher noch nicht in einem Kriminalroman oder Thriller beschrieben wurde. Dass sich die grausamsten Geschichten jedoch tagtäglich in unserer realen Welt abspielen, beweist Michael Tsokos in seinen Sachbüchern und seiner Thriller-Reihe. Deutschlands berühmtester Rechtsmediziner präsentierte mit »Zerbrochen« im Literaturforum »Buch aktuell« auf der Leipziger Buchmesse nun sein neuestes Werk. Nach »Zerschunden« und »Zersetzt« ist »Zerbrochen« der Abschluss seiner Trilogie über den BKA-Ermittler Fred Abel.

Autor Michael Tsokos © FinePic / Helmut Henkensiefken
Autor Michael Tsokos © FinePic / Helmut Henkensiefken

Bei Tsokos´ Romanen handelt es sich um sogenannte True-Crime-Thriller, also Thriller, die auf realen Kriminalfällen beruhen, die der Rechtsmediziner in seiner langjährigen Karriere erlebt hat. Die Handlung von »Zerbrochen« knüpft dabei an den ersten Teil der Trilogie an, während der zweite Teil zeitlich vor den beiden anderen spielt. Gleich drei Fälle muss die Hauptfigur Fred Abel in diesem Finale lösen. Der einzig fiktive Fall dabei ist die Entführung seiner unehelichen Kinder, von deren Existenz Abel am Ende des ersten Thrillers erfuhr. Gleichzeitig wird Abel in die Ermittlungen des Anschlags in Istanbul verwickelt, bei dem im vergangenen Jahr unter anderem acht deutsche Touristen ums Leben kamen. Und dann wäre da noch der sogenannte Dark-Room-Killer, der in Berlin sein Unwesen treibt.

Was sich nach einer überfrachteten, wirren Krimi-Handlung anhört, ist laut Tsokos der normale Alltag eines Rechtsmediziners. Tagtäglich würden er und seine Kollegen mit neuen Fällen konfrontiert, Zeit zum Durchatmen bleibe da kaum.

Zu Beginn der Lesung schockte der Bestseller-Autor das Publikum direkt mit einer Szene, in der er beschreibt, wie eine Leiche während einer Obduktion aufgeschnitten wird. Nervöses Gemurmel war dem Publikum zu entnehmen. Zartbesaitete sollten lieber einen Bogen um Tsokos´ Thriller machen. Es war beinahe unheimlich, wie sachlich und trocken Tsokos die beschriebene Szene vortrug.

Im anschließenden Interview erzählte der Autor aber weniger über seine Bücher, sondern vielmehr von seinem Berufsalltag. Er behauptete, dass ihn eigentlich nichts mehr schocken könne. Als er jedoch unter anderem davon erzählte, wie er im vergangenen Jahr an der Obduktion der Opfer des Anschlags in Berlin beteiligt war, merkte man, dass solche Ereignisse auch an dem ansonsten so abgebrüht wirkenden Spezialisten ihre Spuren hinterlassen. Die Lesung flößte einem jede Menge Respekt vor der Arbeit der Rechtsmediziner ein, auch wenn das Buch selbst kaum aus der ungeheuren Menge an durchschnittlichen Krimis hervorsticht.

Amüsanter gestaltete sich das letzte Drittel der Veranstaltung, in dem Tsokos mit dem ein oder anderen Krimi-Klischee abrechnete, das uns der »Tatort« jeden Sonntag auftischen will. So sei beispielsweise die obligatorische Menthol-Creme, die sich die Ermittler unter die Nase schmieren, völliger Unsinn. Den Fäulnisgeruch könne auch diese nicht überdecken.

Tsokos nahm kein Blatt vor den Mund und so fiel die Lesung auch äußerst kurzweilig aus, da man den Geschichten des Rechtsmediziners am liebsten noch länger gelauscht hätte. Fazit: Tsokos´ Arbeit gehört zu einer Welt, die man als Leser einerseits mit Sensationsgier verfolgt, mit der man aber trotzdem lieber nicht in Kontakt kommen möchte.

Beitragsbild: Michael Tsokos (links) über seinen True-Crime-Thriller »Zerbrochen« mit Moderator Günter Keil (rechts) . © Janick Nolting


Die Veranstaltung: Michael Tsokos liest aus Zerbrochen, Moderation: Günter Keil, Literaturforum Buch aktuell, Halle 3 der Leipziger Buchmesse, 25.3.2017, 17 Uhr

Das Buch: Michael Tsokos in Zusammenarbeit mit Andreas Gößling: Zerbrochen. Droemer Knaur, München 2017, 425 Seiten, 14,99 Euro, E-Book 12,99 Euro


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Der Rezensent: Janick Nolting

 


 

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