»Die Leere am Ende der Jugend«

Kristina Pfister liest in der Moritzbastei aus ihrem Debütroman »Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten«.

Die Lange Leipziger Lesenacht lockt jedes Jahr viele Besucher in die Katakomben der Leipziger Moritzbastei. Wo man steht, steht man im Weg und wer auf der Suche nach seinem gewünschten Veranstaltungsort in den Kellerräumen nicht verloren geht, macht sich verdächtig. Über fünfzig Autoren, darunter hauptsächliche junge Köpfe, werden an diesem Abend lesen.

Irgendwie hat man das Gefühl, die Gäste zu kennen. Ob das diese wichtigen Persönlichkeiten sind, die sich hinter Buchcover und Autor verbergen? Gibt es das noch: Agenten, die zu Lesungen gehen, um Talente zu entdecken, oder handelt es sich dabei um eines dieser Achtziger-Jahre-Klischees?

Seit 19 Uhr wird hier gelesen, gelauscht, gelacht und applaudiert. Erstaunlich pünktlich betreten um 22 Uhr Stephan Lose, Kristina Pfister und Fabian Hirschmann die hinterste der vier Bühnen. Leger und professionell, mit einem Weinglas in der Hand, setzt sich die 1987 geborene Kristina Pfister, deren Debütroman in diesem Jahr erschienen ist, in die Mitte. Nach Stephan Loses gelungenem Auftritt ist das Publikum aufgewärmt und angelacht, in der vergangenen Pause auch schon beim zweiten Bier angekommen und bereit für mehr. Nun beginnt Pfister eine Episode ihres Romans zu lesen.

© Tropen Verlag
© Tropen Verlag

In »Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten« geht es um mehr als Origami. Es geht um Annika, die ihr Studium beendet hat und nicht weiter weiß in ihrem Leben. Es geht um die Wahl zwischen Raus-in-die-Welt und Auf-der-Couch-ist-es-doch-auch-gemütlich. Eigentlich könnte Annika alles machen, hat sich auf dem Weg dahin aber irgendwo zwischen labbrigem Toastbrot und psychologischer Beratung verloren. Der postuniversitäre Sommer scheint zu Kaugummi zu werden – und dann auch noch zu einem von der Sorte, die schon lange nicht mehr schmecken, die man zufällig unter einem Schreibtisch klebend findet. Man freut sich zwar keineswegs, auf ihn gestoßen zu sein, aber so richtig angewidert ist man auch nicht. Mit leicht verdrießlichem Gefühl nimmt man ihn zur Kenntnis. Zu Annikas Glück lernt sie schnell Marie-Louise kennen; eine von diesen unabhängigen Freigeistern, für die alles leicht zu sein scheint und die sich einfach nehmen, was sie wollen. Gemeinsam schreiben sie eine Löffelliste, gehen Nacktbaden und crashen Männerwochenenden. »So poetisch wie Kristina Pfister hat lange niemand mehr über die Leere am Ende der Jugend geschrieben«, sagt Christoph Peters.

Der poetisch-lakonische Stil ihres Romans ist erfrischend lebendig und schafft es, die inhaltlichen Stereotypen neu erscheinen zu lassen. »Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten« ist eine Geschichte über den Sommer nach dem Studium, die Suche nach und die Flucht vor und eine Aufforderung, das eigene Leben in die Hand zu nehmen.

Stellenweise ist man sich nicht sicher, ob es hier wirklich um Mittzwanziger geht oder nicht doch um sich in den Tiefen der Pubertät verlierende 15-Jährige. Da wird die erste Zigarette geraucht, jemand zum Knutschen gesucht und eine Bekannte gibt mit ihrem Freund an, der in einer Punk-Band spielt. Auch während der Lesung merkt man Pfister an, dass sie jung ist und noch nicht lange im Literaturbetrieb. Das macht sie aber eher sympathischer. Ihr Publikum bleibt gespannt und lacht an den richtigen Stellen. Nach der Lesung wird herzlich applaudiert und man wünscht Kristina Pfister noch den ein oder anderen Erfolg.

Beitragsbild: Stephan Lose (links), Kristina Pfister (Mitte) und Fabian Hirschmann (rechts). © Kilian Thomas


Die Veranstaltung: Kristina Pfister liest zur Langen Leipziger Lesenacht in der Moritzbastei aus ihrem Debüt Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten, Moritzbastei, 24.3.2017, 22 Uhr

Das Buch: Kristina Pfister: Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten. Tropen, Stuttgart 2017, 253 Seiten, 20,00 Euro


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Der Rezensent: Kilian Thomas

 


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