»Die Korrekturbögen des Lebens«

Klaus Modick liest in der Bahnhofsbuchhandlung Ludwig aus seinem neuen Künstlerroman »Keyserlings Geheimnis«.

Wir alle kennen sie. Momente, in denen wir Dinge tun, die unser Leben maßgeblich prägen. Dabei geht es nicht um wegweisende, bewusste Entscheidungen, sondern um die Folgen unserer Taten. Momente, ab denen sich unser Leben verselbstständigt und wie eine Geschichte fortschreibt. Ähnlich ergeht es Graf Eduard von Keyserling, der »wegen einer Inkorrektheit« 1877 von der Dorpater Universität exmatrikuliert wird. Fortan zur persona non grata geworden, flieht er nach Wien, wo er zu schreiben beginnt und an Syphilis erkrankt. 1918 verstirbt er an den Folgen der damals tödlichen Krankheit. Im Gegensatz zu Kafka folgt man Keyserlings Wunsch und vernichtet dessen literarischen Nachlass fast komplett. Aber was ist diese »Inkorrektheit« gewesen, die ihn forttrieb aus Dorpat ins ferne Wien? Was steckt hinter dem »verschlafenen Ehrenauftrag« wegen dessen Nichterfüllung er fliehen musste?

Wir sitzen im historischen Saal der Bahnhhofsbuchhandlung Ludwig, der fast bis auf den letzten Platz voll ist. Das Publikum besteht überwiegend aus älteren Menschen, was nicht verwunderlich ist. Immerhin handelt es sich hier um einen historischen Künstlerroman. Viele der Besucher kennen das Gemälde des baltischen Grafen aus der Neuen Pinakothek, welches ihn kränklich und in seiner ganzen Hässlichkeit zeigt. Das Bildnis entsteht 1901 in einem Urlaub mit Freunden. Die Geschichte der Entstehung ist der Rahmen der Erinnerung: An seine Kindheit in Kurland, heute Lettland, sein Studium in Dorpat, seine Zeit in Wien und Graz. Die Erfahrungen, die er dort gemacht hat.

Natürlich wird uns Klaus Modick heute Abend nicht verraten, in welche Konflikte sich Keyserling verstrickt haben könnte, aber das ist fast nicht nötig. Mit ruhiger Stimme lässt er den Schriftsteller in Keyserling zu Wort kommen. Die Grenze zwischen Wirklichkeit und Fiktion verschwimmt. Man glaubt fast zu wissen, wer dieser Mann war, der langsam erblindet und seine Vergangenheit dabei immer klarer sieht. Der körperliche Zerfall Keyserlings zeigt Parallelen zum Fall des Adels in die Bedeutungslosigkeit. Nur wehrt er sich nicht, sondern geht und lebt. Und erzählt uns eine Geschichte von Liebe, Kunst und Zerfall. Alleine dafür lohnt sich die Lektüre des Buches.

Beitragsbild: Klaus Modick (rechts) während der Signierstunde. © Sebastian Adam


Die Veranstaltung: Klaus Modick liest aus Keyserlings Geheimnis, Bahnhofsbuchhandlung Ludwig, 15.03.2018, 20 Uhr

Das Buch: Klaus Modick: Keyserlings Geheimnis. Kiepenheuer & Witsch, Köln, 238 Seiten, 20 Euro, E-Book 16,99 Euro


 

 

Der Rezensent: Sebastian Adam

 


 

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