»Die Decke der Zivilisation ist dünn«

Peter García liest aus seinem Buch »Franzosenbalg: Völker sind zum Mischen da« und spricht über seine persönlichen Erfahrungen als Besatzungskind mit Ausgrenzung, Diskriminierung und Rassismus im neu eröffneten Ost-Passage Theater.

Dass sich der Aldi an der Eisenbahnstraße nahe des Rabet in einer wunderschönen, 1909 erbauten Markthalle befindet, fällt nur den wenigsten auf, die starren Blickes in den Discounter huschen. Man fragt sich wirklich, wieso die Aldi-Nord-Gesellschaft nicht selber den kuppelförmigen Eingangsbereich inklusive Prunkfassade nutzte, als sie das Gebäude bezogen haben.

© Eckhaus Verlag

Da der Aldi sich aber nur im Erdgeschoß des Gebäudes eingerichtet hat, gelang es der Initiative »Ost-Passage Theater e.V.«, nach sechs langen Jahren der Überzeugungsarbeit, nun den schönsten Teil des Gebäudes für sich zu gewinnen: Das tonnenförmige Gewölbe in der neu eingezogenen zweiten Etage. Der 14 Meter breite und 25 Meter lange Raum wirkt unter der sogenannten »Schillerdecke«, einer seltenen Dachkonstruktion mit Betonbindern, und ihren originalen Stuckverzierungen wirklich herrschaftlich und immens groß. Leider durch die Größe und die derzeitigen Temperaturen im Minusbereich bedingt, auch immens kalt. Daher sitzt Peter García in dicker Winterjacke mit Fellkragen an einem kleinen einsam angeleuchteten Tisch, mittig, ganz am Ende des Gewölbes, um sein schon 2016 erschienenes Buch »Franzosenbalg: Völker sind zum Mischen da« vorzustellen.

Sein Buch, zu dem diese Kälte irgendwie auch motivisch passt, handelt von Garcías persönlichen Erfahrungen als Kindes eines französisch-algerischen Besatzungssoldaten im Zweiten Weltkrieg. Ein Leben, gezeichnet von Ausgrenzung, Diskriminierung und mit Rassismus als ständigem Begleiter. Im Laufe der Lesung sagt er, er wäre jeden Tag von seiner Umwelt daran erinnert worden: »Die Decke der Gesellschaft ist dünn«, darunter ist die gesellschaftliche Kälte und der Hass. Und so sind die Einblicke, die García den Zuhörern in sein Buch und dadurch auch in sein Leben gibt, Beispiele für seine lebenslange Ausgrenzung. García liest in kurzen Kapiteln chronologisch durch seine eigene Geschichte.

Beginnend mit 14, an dem Tag, als er erfährt, dass der Ehemann seiner Mutter nicht sein Erzeuger ist, über seinen Entschluss seinen leiblichen Vater ausfindig zu machen und die folgende 25-jährige Suche, bis hin zum vermeintlichen Happy End: der Wiedervereinigung mit seinem Vater. Ständig begleitet ihn jedoch der Hass seiner Mitmenschen. In der Schule wird er aufgrund seiner dunklen Haare und seiner Gesichtscharakteristika »Judenbengel« genannt, Davidssterne werden auf seinen Tisch geritzt und selbst Lehrer bedrohen ihn. Dass die Entnazifizierung nach dem Krieg gescheitert ist, zeigte sich ihm an vielen Punkten im Leben. Oft wurde er aufgrund seiner äußerlichen Erscheinung in rassistische Schubladen gesteckt, die widerwärtige Rassentheorie schien Bestand zu haben.

Peter García. © Matthias Eckert

Doch auch die Suche nach seinem leiblichen Vater war nicht leicht. Er fühlte sich zwar in den sechziger Jahren besser integriert, jedoch auch nie ganz. Das rassistische, gesellschaftliche Feindbild verschob sich nur von Äußerlichkeiten wie dunklerer Haut- oder Haarfarbe, die durch die Zuwanderung mittlerweile einfach bekannter waren, zu Religionsfeindlichkeit, insbesondere gegen den Islam.

Erschwerend kam hinzu: Er kannte nur den Namen und einen ehemaligen Wohnort seines Vaters. In Zeiten ohne Internet schien die Suche schier aussichtslos, jedoch war er nach 25 Jahren mit einer französischen Zeitungsannonce erfolgreich und konnte nach weiteren Querelen ein Treffen mit dem Ex-Soldaten organisieren. Nach der anfänglichen Freude und Erleichterung sein Ziel endlich erreicht zu haben, hat Garcías Schilderung trotzdem wieder die Ausgrenzung als Unterton: Neben García hat der Vater noch fünf weitere Kinder, lebt mit einer neuen Familie und drei der Kindern zusammen. Jedoch möchte er ein Treffen Garcías mit der ganzen Familie lieber vermeiden. Er möchte keine Unruhe in sein glückliches Familienleben bringen. Ein Wunsch, der García sein Leben lange Zeit verwehrt wurde.

Beitragsbild: Peter García liest aus »Franzosenbalg«. © Julius Stelzer


Die Veranstaltung: Peter García liest aus Franzosenbalg: Völker sind zum Mischen da, Ost-Passage Theater Leipzig, 18.3.2018, 18 Uhr

Das Buch: Peter García: Franzosenbalg: Völker sind zum Mischen da. Eckhaus Verlag, Weimar 2016, 14,80 Euro, E-Book 9,99 Euro


 

 

Der Rezensent: Julius Stelzer

 


 

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