»Der Widerstand trug Vollbart«

Uwe Wittstock erweist sich als echter Kenner von Gesichtsbehaarung und verrät bei der Lesung seines Romans »Karl Marx beim Barbier«, wieso dessen Bart ein so wichtiger Teil seiner Corporate Identity war.

Uwe Wittstock mit Karl Marx. © Uwe Wittstock

Der Autor ist ein eleganter Mann. Das Haar ist zwar ergraut, aber voll. Wenn er liest, dann flüssig, fehlerfrei und mit bedachter Betonung. Ein Mann, der sich dem großen Thema seines und zahlreicher anderen Bücher, Karl Marx, vom Schreibtisch aus genähert hat. Es wird ihm gedankt durch ein kleines Publikum fünfzigjähriger-Sakko-Trägerinnen und -Träger mit Brillengestellen im vermuteten Wert einer studentischen Monatsmiete. Wir wirken im Publikum deplatziert, beinahe etwas verdächtig, man schielt zu uns herüber: Was interessieren diese jungen Leute sich für Marx? Dabei ist der Revolutionär so »in« wie lange nicht mehr. Längst ziert sein ikonisch bärtiges Gesicht die Titelblätter großer Zeitungen, die sonst keine linke Ideologie für sich beanspruchen.

© Blessing Verlag

Genau um diesen Bart geht es an diesem Abend. Wittstock liest viel, der Moderator hat sozusagen Feierabend. Dem beeindruckend dichten Bart hat der Autor viele Seiten gewidmet, spielt der doch in der Geschichte auch eine ausschlaggebende Rolle: Der schwer erkrankte Marx reist nach dem Tod seiner Frau nach Algerien, in der Hoffnung, dies würde seine Genesung vorantreiben. Kurz vor seinem Tod rasiert er sich seinen Bart ab. Für Wittstock ist das mehr als eine optische oder praktische Veränderung angesichts des warmen Klimas. Es ist eine Abkehr. Der Bart, so erfahren wir, war um 1830 nicht nur studentische Mode, er war Auflehnung gegen den glattrasierten Napoleon, gegen die nackten Gesichter des Adels, »der Widerstand trug Vollbart«. Es ist also nicht verwunderlich, dass einer so alltäglich scheinenden Tätigkeit wie der Rasur ein ganzer Roman gewidmet wird. Sie ist laut Wittstock ein Widerspruch, wie sich im Leben und in den Werken von Marx viele finden lassen. Im Laufe des Abends beschleicht mich das Gefühl, dass genau hierin die Intention des Autors liegt. Wie in einem Beziehungsstreit kramt er Widersprüche hervor und klatscht sie ihm metaphorisch vor die Füße: Da reist Marx erster Klasse! Hier schreibt er der einen Tochter, die Sphäre der Familie sei relevanter als die öffentliche, politische! Wieder woanders schickt er der anderen Tochter eine Parabel, in welcher sich der Philosoph als Verlierer herausstellt!

Mit der Vermenschlichung eines Idols wird der Roman beworben und durch sie soll er aus der Masse an Marx-Erscheinungen im Jubiläumsjahr herausstechen. Wer erwartet hat, dass dabei ein durch und durch sympathisches Bild herauskäme, wird enttäuscht. Aber auch beim so oft gezeichneten Bild eines streitlustigen Alkoholikers der vom Geld seiner Frau lebt und seine Genossen verprellt, wie es zuletzt im Kinofilm über den jungen Marx gezeigt wurde, belässt der Autor es nicht. Was er macht, geht tiefer, ist vielleicht sogar gemeiner: Auf der Bühne sitzt ein Autor, die Wangen glattrasiert, ehemaliger Journalist der FAZ, und spricht zum gealterten Bildungsbürgertum: Karl Marx – das war eigentlich einer von uns.

Beitragsbild: Der Moderator (links) und Uwe Wittstock (rechts) © Anneke Schmidt


Die Veranstaltung: Uwe Wittstock liest aus »Karl Marx beim Barbier. Leben und letzte Reise eines deutschen Revolutionärs.« Ariowitsch-Haus, Zentrum Jüdischer Kultur, 16.3.2018, 19 Uhr

Das Buch: Uwe Wittstock: Karl Marx beim Barbier. München 2018, 288 Seiten, 20 Euro, E-Book 15,99 Euro


 

 

Die Rezensentin: Anneke Schmidt

 


 

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