Der talentierte Unsympath

Harald Martenstein gibt im Central Kabarett den Atze Schröder für »ZEIT«-Abonnenten.

© C. Bertelsmann
© C. Bertelsmann

Erfolg ist etwas sehr Schönes. Aber auch dann, wenn er Harald Martenstein widerfährt? Der »ZEIT«-Kolumnist soll eigentlich sein neues Buch »Im Kino« vorstellen, eine Sammlung von Berlinale-Kolumnen der letzten 20 Jahre. Tatsächlich geht es an diesem Abend aber vor allem um sein Ego.

Im Blauen Salon des Central Kabaretts wird ihm dafür eine opulente Bühne geboten. Rote Samtvorhänge, Kronleuchter und vornehme Kellner sorgen dafür, dass sich das klassische Martenstein‘sche Publikum heimisch fühlt. Der Saal ist gefüllt mit überprivilegierten älteren Menschen, die sich mit Melonencocktails für 6 Euro einmal im Jahr den Abend schön trinken.

Etwas mehr als eine Stunde dauert dann die Lesung, die eher an ein Comedy-Format erinnert, das so auch am Samstagabend auf »RTL« laufen könnte. Es wird sich feucht fröhlich über Randgruppen lustig gemacht, verallgemeinert und sich über andere erhoben. Ab und zu werden noch Begriffe wie »antihegemonial« und »Katharsis« eingestreut, um das intellektuelle Gewissen zu beruhigen. Das tut schon weh. Noch schlimmer ist aber, dass das Publikum bereitwillig mitwiehert und gar nicht merkt, dass es wie eine Persiflage auf eine übertrieben elitäre Abendveranstaltung wirkt.

Martenstein arbeitet mit seinen Nörgeleien ein beeindruckendes Spektrum ab. Kinder, Feminismus, Nudisten – alles irgendwie Scheiße. Außer man selbst natürlich. Man selbst arbeitet bei der »ZEIT«, was man auch nur in jedem dritten Satz erwähnt. Denn man ist ja trotz allem irgendwie auf dem Boden geblieben.

Das wäre alles nicht weiter tragisch, könnte Martenstein nicht gut schreiben. Gerade seine Filmkolumnen sind häufig lesenswert und scharfsinnig. Davon kommt bei der Lesung aber nicht viel rüber, weil er eher auf den schnellen Witz aus ist. Lacher sind wohl wirksamerer Balsam für das Altmänner-Ego als stille Bewunderung für gut geschriebene Texte. Immerhin ist auch das Publikum auf seichte Unterhaltung aus, so gehen beide Seiten beschwingt aus dem Abend. Auch schön.

Beitragsbild: Harald Martenstein. © C. Bertelsmann


Die Veranstaltung: Lesung – Harald Martenstein: Im Kino, Central Kabarett, 23.3.2017, 21 Uhr

Das Buch: Harald Martenstein: Im Kino. C. Bertelsmann, München 2017, 208 Seiten, 16,99 Euro, E-Book 13,99 Euro


 

 

Der Rezensent: Nils Bünger

 


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