Der Poet von Recife

Bevor das neue Jahr so richtig in routinierte Fahrt kommt, erinnert sich unsere Redakteurin Maria an ihren Aufenthalt in Brasilien. Dort ist sie auch der Literatur begegnet.

Es ist ein grauer Nachmittag in Leipzig. Mein Blick richtet sich zum Fenster: Dicke Tropfen prasseln gegen die Scheibe, der Wind fegt durch die lichten Bäume – seit Tagen kühlste Temperaturen. Gerade jetzt, wenn sich die Neujahrsmelancholie auf den Gesichtern der Menschen niederlässt, schwelge ich gerne in Erinnerungen. Ich schließe meine Augen und denke an den letzten Sommer in Brasilien.

Zwei Monate habe ich in Recife im Nordosten des Landes bei einer Gastfamilie gelebt und in einem Kinderheim Englisch unterrichtet. Fernab von Selfie-Stick und Copacabana durfte ich ein Land voller Gegensätze und Überraschungen kennenlernen. Und in der Tat: Die Brasilianer trinken gerne Caipirinha, tanzen leidenschaftlich Samba und zelebrieren den Karneval mit jeder Zelle ihres Körpers. Sie sprießen förmlich vor Lebenslust. Angesichts dessen ist es kaum vorstellbar, dass das Land, das noch vor ein paar Jahren als Wirtschaftsmacht der Zukunft betitelt wurde, inmitten einer Krise steckt. Eine Krise, die uns in hier in Deutschland wohl nie erreichen wird, in den Straßen von Recife jedoch schon längst angekommen ist. Armut, Gewalt und Kriminalität sind das Ergebnis politischer Korruption und ungleicher Bildungschancen.

»Brasilien ist ein Land der Gewalt und war es immer«, so der Schriftsteller Chico Buarque, Jahrgang 1944. Viele Brasilianer haben das Vertrauen und die Hoffnung in den Staat verloren. Eine Stimme findet diese Melancholie in der neuen Generation brasilianischer Schriftsteller. Geprägt von einer großstädtischen Rationalität, geht es ihnen nicht um die Wiederverzauberung der Gesellschaft, sondern vielmehr um die Ergründung der vorherrschenden Probleme. 2013 präsentierte sich Brasilien als Gastland der Frankfurter Buchmesse und brachte schon vor vier Jahren hervorragende junge Erzähler mit nach Deutschland. Lange ist die Literatur aus Brasilien international kaum wahrgenommen worden, nun tritt jedoch eine Riege von Autoren ans Licht, deren Werke das Motiv der Suche nach Antworten durchzieht.

Während meines Abenteuers in Brasilien konnte ich viele interessante Persönlichkeiten treffen und sie nach ihrer Geschichte befragen. Ich traf auf den Studenten Luca R. Sousa, der kürzlich sein erstes Buch veröffentlichte. Unter dem Titel »Dos Cactos e aos Pombos« erzählt er die Geschichte von einer Frau, die durch die Beschreibung eines Ereignisses versucht, Fragen nach ihrer Identität zu beantworten. Luca selbst beschreibt seinen Stil als dunkel und tiefsinnig und spiegelt damit eine Generation junger Autoren und Autorinnen in Brasilien wieder. Die Verschränkung von Literatur und Realität kennzeichnet eine neue Ära brasilianischer Schriftsteller, die jedoch in Brasilien selbst um die Aufmerksamkeit der Leser kämpfen muss. Ihre Bücher stehen im Schatten der Fernsehkultur, die den sogenannten »Tropicalismo« und die damit verbundene Idyllisierung der brasilianischen Lebensumstände propagieren. Auch Luca betont, dass der Durchschnittsbrasilianer weniger als drei Bücher im Jahr lese. Populär seien lediglich Biografien berühmter Personen und Schauspieler.

Umso erfreulicher ist es, dass die Werke der jüngsten Generation brasilianischer Autoren 2013 in Frankfurt großen Zuspruch fanden und internationale Anerkennung genossen. Es wäre wünschenswert, wenn mehr brasilianische Werke in die deutsche Sprache übersetzet würden, um den Autoren auch international eine Stimme zu verleihen. Womöglich würde dies das Bild des sambatanzenden Brasilianers relativieren und ins richtige Licht rücken.

Beitragsbild: Die Skyline von Recife. © Nicola Cavallotti


 

 

Maria Flamm

 


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