Der Pfeil in der Ferse des Alleskönners

Achim Achilles liest im Intersport aus seinem neuen Buch »Sehnen lügen nicht« und wirft zwei Bälle gleichzeitig.

»So viele Menschen hier, sieht ja aus wie beim Marathon!«, ruft Achim Achilles und hüpft leichtfüßig auf die Bühne. Der selbst ernannte »Läufer der Herzen« heißt eigentlich Hajo Schumacher, promovierte über Merkels Machtpolitik und kommentiert für RTL, N24, WDR und RBB das politische Geschehen. Unter seinem Pseudonym schreibt er für Spiegel Online Kolumnen über die bizarre Welt des Laufens, in welchen er allerdings kaum konstruktive Tipps für Interessierte gibt, sondern stattdessen jeden beleidigt, der ihm vor die Füße kommt: »Funkpfosten« benutzten zu viel Technik, die »Kampf-Else« sei zu klein, zu stark geschminkt und gucke zu böse, »die Kenianer« seien zu leicht und zu schnell und Nordic Walker sowieso die niedrigsten aller Geschöpfe. Dies scheint auch seine Taktik für den Abend zu sein, denn auch im Show-Geschäft müsse man »die Gastgeber erstmal hochleben lassen, dann kann man loslegen, sie zu beleidigen«.

Achim Achilles © Frank Johannes
Achim Achilles © Frank Johannes

Achilles braucht keine Moderation, er braucht noch nicht einmal Ruhe: Die Ladenmusik wird während seiner Lesung lediglich leiser gedreht und vermischt sich mit dem Lärm des Einkaufszentrums, der durch die offene Tür dringt. Nach fünf Minuten Lesen ist Zeit für Bewegung. Achilles springt auf und preist seine neueste Fähigkeit: Life Kinetik nach Horst Lutz. Durch seine immer komplizierter werdenden Anweisungen soll sich das Publikum wahlweise nach vorne, hinten, rechts oder links neigen und so die Anzahl der Verbindungen der Nervenzellen erhöhen. Leider klappt das nur bedingt, seine wenig hilfreiche Erklärung: »Manche haben keine Hirne … Läufer vielleicht«. Aus dem Nichts zaubert er zwei kleine Bälle, proklamiert großspurig die meditative und kognitionsfördernde Wirkung, die eintrete, wenn man beide Bälle rhythmisch und zeitgleich auf- und abwirft. Beim ersten Versuch landen sie auf dem Boden und dann in den Händen eines Zuschauers, der zu laut lacht und es jetzt zur Strafe selbst versuchen muss.

Als Belohnung liest Achilles eine unglaublich einfallsreiche Kolumne über junge Läufer, die es schafft, sämtlich Klischees, die die Generation 50+ gegenüber jungen Menschen haben kann, in sich zu vereinen. In Berlin hätten alle »Talibanbärte und Hipsterknödel« und seine Nichte Anna sei sowieso ganz arttypisch, da sie die kaum Kondition, dafür aber viele bunte Schuhe habe und alles auf Facebook posten müsse. Das Publikum, größtenteils Generation 50+, lacht.

© Heyne Verlag
© Heyne Verlag

Achilles beendet den Abend mit seinem selbst gebastelten »Bullshit-Bingo« und will sich aus dem Publikum die besten Ausreden für schlechte Laufergebnisse zurufen lassen. Von den wenigen Zurufen passen nur wenige zu seinen Feldern, aber das stört ihn nicht. Er liest die erwarteten Antworten lieber selbst vor und nutzt jede Gelegenheit für mehr oder weniger passende Anekdoten. Beim Vorschlag »zu schlecht gedopt« empfiehlt er statt herkömmlichem Doping Sex, denn Frauen werden angeblich, wenn sie am Abend vor dem Wettkampf »nochmal so richtig amtlich über den Flokati geschubst werden, bis zu fünf Minuten schneller«, Männer hingegen zehn Minuten langsamer. Daher sein Tipp für Paare: Aufgabe auslagern, so »kommt der Trainer wieder ins Spiel«.

Er lächelt kurz ins Publikum und bedankt sich brav, dann setzt er sich schnell an den Signiertisch, während die Mitarbeiter schon wieder anfangen, Laufschuhe zu verkaufen.

Beitragsbild: Achim Achilles liest gerne ohne Buch. © Simon Oppermann


Die Veranstaltung: Sehnen lügen nicht. Neues vom Läufer der Herzen. Intersport Voswinkel, Höfe am Brühl, 23.3.2017, 19 Uhr

Das Buch: Achim Achilles: Sehnen lügen nicht. Neues vom Läufer der Herzen, München 2017, 240 Seiten, 9,99 Euro, E-Book 8,99 Euro



 

 

Der Rezensent: Simon Oppermann

 


 

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