Der normale Wahnsinn einer Familie

Eine humorvolle und gleichzeitig ernste Lesung von André Herrmann.

Es ist Samstagvormittag auf der Leipziger Buchmesse. Eine Menge leseinteressierter Besucher quetscht sich durch die Hallen. Ab und zu bleiben Besucher mehr zufällig bei einer der zahlreichen Lesungen stehen, während andere sich geplant rechtzeitig gute Plätze sichern. Auf einer der vielen Leseinseln gibt André Herrmann eine Lesung aus seinem zweiten Roman »Platzwechsel«. Der Autor ist in Leipzig durch sein Auftreten bei Poetry-Slams und auf Lesebühnen bekannt.

© Verlag Voland & Quist GmbH

Mit ruhiger souveräner Stimme liest Herrmann den ersten Auszug seines Romans vor. Der Protagonist André ist mit seiner Familie zum Osteressen verabredet. Dem Publikum begegnen dabei die klassischen Stereotype einer Familie, die Problematik, alle Familienparteien gleichberechtigt an einem Tisch anzuordnen, und das Verhör, das junge Erwachsene über Studium und Berufsaussichten über sich ergehen lassen müssen. Ebenso thematisiert Herrmann die politische Unkorrektheit, die durch unqualifizierte Kommentare beim Essen in einem chinesischen Restaurant zum Ausdruck gebracht wird, sowie die scheinbar plötzlich auftretende Unfähigkeit auf normale Weise mit einem Baby zu kommunizieren. André selbst fügt sich passend als die Person, die durch zynische Kommentare und Witze, die keiner verstehen will, auffällt, in die Familienkonstellation ein. Der Autor präsentiert das Geschehen so nahbar, dass ich mich in Situationen versetzt fühle, in denen ich gern am Essenstisch eine Grundsatzdiskussion angefangen hätte, mich aber aus Gründen der Harmoniebewahrung dagegen entschied. Natürlich vergisst man dabei nie, dass es um die eigene Familie geht, die einem nah steht und oft bedingungslos für einen da ist.

Wie in fast jeder Familie wird Familie Herrmann im Roman hinter der Fassade aus Aufregung und viel Gerede mit ernsthaften Problemen konfrontiert. Andrés Opa musste aufgrund einer Demenzerkrankung in ein Heim ziehen und erkennt mittlerweile kaum seine eigenen Verwandten wieder. Der Autor stellt die Krankheit ungeschönt dar und geht dabei auf die Herausforderungen für die Angehörigen ein, wenn eine geliebte Person plötzlich nicht mehr sie selbst ist. Herrmann schildert in seinem Roman Gefühle, die sich Beteiligte oft nicht trauen würden laut auszusprechen und stößt damit auf viel Zuspruch durch das Publikum. Neben der Trauer verspürten Menschen in diesen Situationen auch Wut und Ärger oder kein Verständnis für bestimmt Handlungen oder Emotionen anderer.

Trotz der Hektik auf der Buchmesse schafft Herrmann es, die Ruhe und Schwermütigkeit in den Passagen im Pflegeheim einzufangen. Dennoch vermittelt der Autor die derart ernste Thematik mit Humor. Herrmann erzeugt auf eine einfache Weise die Art von Komik, mit der sich seine Zielgruppe identifizieren kann und die für das Thema angemessen erscheint. Die Lesung erinnert einmal mehr daran wie wichtig es ist, trotz sehr verschiedener Charaktere in einer Familie zusammenzuhalten und sich liebevoll zu unterstützen.

Beitragsbild: André Herrmann liest aus dem Roman Platzwechsel auf der Leipziger Buchmesse. © Maria Kloß


Die Veranstaltung: Der Hypezig-Erfinder präsentiert seinen zweiten Roman. André Herrmann liest aus Platzwechsel. Leipziger Buchmesse, Leseinsel Junge Verlage Halle 5 Stand G200, 23.3.2019, 12.30 Uhr

Das Buch: André Herrmann: Platzwechsel. Verlag Voland & Quist GmbH, Dresden und Leipzig 2018, 299 Seiten, 20,00 Euro


Die Rezensentin: Maria Kloß

 

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