Der Mythos wird im Grab lebendig

Gabriele Haefs legt die erste deutsche Übersetzung von Máirtín Ó Cadhains Roman »Grabgeflüster« vor und präsentiert sie gemeinsam mit dem irischen Verleger Micheál Ó Conghaile im Morrison’s Irish Pub.

Es gibt einen Ort, da ist alles besser. Der Ort ist nicht hier, darum ist er besser. Und er ist nach dem Leben. Nach einem anstrengenden Dasein wird es zweifellos friedlich sein im Grab. Vielleicht gibt es angenehme Plaudereien zwischen den Verstorbenen. Sie erzählen sich schöne Geschichten über Zeiten, als sie noch jung und knackig waren. Diese Annahme ist ein Irrtum. Das wissen nun all jene Eingeweihten, die sich während einer nächtlichen Lesung im Morrison’s Irish Pub dem einzigen Werk hingaben, das sich neben der Bibel angeblich in jedem irischen Haushalt befindet.

Máirtín Ó Cadhain. © Alfred Kröner Verlag
Máirtín Ó Cadhain. © Alfred Kröner Verlag

Von Toten, die sich dort zerfleischen, wo kein Fleisch mehr ist, handelt das Buch des Iren Máirtín Ó Cadhain, das ausschließlich aus wörtlicher Rede besteht. Ausgerechnet dort, wo der Tod herrscht, wird der Mythos lebendig. Es ist kaum zu durchschauen, welche Figur gerade das Wort ergreift und ob das, was sie erzählt, der Wahrheit entspricht. Ein Durcheinander an Beschimpfungen, Keifereien, Intrigen und Hasstiraden. Jeder Satz stellt den Leser vor erneute Rätsel.

Das, was das Buch selbst an Mythos bietet, soll in der Lesung detailliert weitergeführt und inszeniert werden: Der 1970 verstorbene Ó Cadhain wird bereits zu Beginn als solch ein Mythos bezeichnet. »Grabgeflüster«, geschrieben in mehreren gälischen Dialekten, galt bisher als unübersetzbar. Welch Herzblut dahinter steckt, ausgerechnet diesen Text ins Deutsche zu übertragen, ist dem anhaltenden Lächeln Gabriele Haefs zu entnehmen. Während sie ihre Übersetzung wie für sich selbst vorliest, scheint das Publikum mehr vom Klang der Worte als vom verworrenen Inhalt fasziniert. Der Eindruck steigert sich, als ein weiterer Mythos ins Spiel kommt: die gälische Sprache. Der irische Verleger Micheál Ó Conghaile wirkt, als spräche er Beschwörungsformeln, als er aus dem 1949 erschienen Originaltext vorliest. Der tiefe Wunsch, diese vom Aussterben bedrohte Sprache lebendig zu halten, kommt hier also ausgerechnet in einem Buch über das Totenreich und dessen boshaften Bewohner zum Ausdruck.

© Alfred Kröner Verlag
© Alfred Kröner Verlag

Es ist egal, ob man versteht, was da vorgelesen wird, ob Gläserklirren, Stuhlscharren und beharrlich klingelndes Bar-Telefon den Zuhörer ständig aus der mühsam hergestellten Konzentration reißen. Es scheint einzig und allein darum zu gehen, Teil der geheimnisvollen Inszenierung zu werden, Teil vom Mythos in all seinen Ausprägungen. Denn das Werk Ó Cadhains zu lesen, verlangt Durchhaltevermögen. Wie viel größer muss die Herausforderung bei der Arbeit mit dem Text auch für eine erfahrene Übersetzerin wie Gabriele Haefs gewesen sein.

Die Zuhörer wollen sich von dieser Herausforderung nicht so schnell trennen: Auf die Schlussworte »das reicht wohl für einen Einblick in das Buch« folgt ein lautstarkes: »Nein!« Diese Reaktion bestätigt es: Ausgerechnet im Grab bleibt der Mythos lebendig.

Beitragsbild: Gabriele Haefs (links) und Micheál Ó Conghaile (rechts). © Anna Löwe


Die Veranstaltung: Máirtín Ó Cadhain: Grabgeflüster, Mitwirkende: Gabriele Haefs, Micheál Ó Conghaile, Morrison’s Irish Pub, 23.3.2017, 20 Uhr

Das Buch: Máirtín Ó Cadhain: Grabgeflüster. Übersetzt von Gabriele Haefs. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2017, 461 Seiten, 24,90 Euro


 

 

Die Rezensentin: Anna Löwe

 


 

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