Der Leser ist einer der Grjasnowa liebt

Olga Grjasnowa stellt ihren neuen Syrien-Roman vor.

Politisch war Olga Grjasnowa schon immer. »Der Russe ist einer der Birken liebt« thematisiert das Schicksal der Kontingentflüchtlinge, »Die juristische Unschärfe einer Ehe« Zwangsheirat. Ihr neues Buch ist hochaktuell, denn »Gott ist nicht schüchtern« handelt vom allgegenwärtigen Syrien-Konflikt. Anhand der Geschichte von Amal und Hammoudi, zwei jungen, privilegierten Syrern, breitet Grjasnowa die ganze Tragweite des Konfliktes aus.

© Aufbau Verlag
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Die Lesung findet inmitten des Bienenstocks Leipziger Buchmesse statt – denkbar ungeeignet für dieses Thema und das bedächtige Auftreten der Autorin. Zwischen brüllenden Schulklassen und dröhnenden Mikrofonen gelingt es aber trotzdem, einen fast schon intimen Vortrag zu gestalten.

Grjasnowa trägt nur eine kurze Stelle aus ihrem neuen Roman vor, in der Hammoudi, die männliche Hauptperson, aus Paris in seine Heimat Syrien zurückkehrt. In Frankreich arbeitet er als Schönheitschirurg, hat eine europäische Freundin und nur noch sehr wenige Schnittstellen mit seiner ehemaligen Heimat. Wieder in Syrien findet ihm zu Ehren ein opulentes Festessen statt, bei dem der verwestlichte Hammoudi mit seiner Großfamilie konfrontiert wird. Er fremdelt mit der Welt, in der er groß geworden ist. Bei einem Behördengang zur Verlängerung seines Passes, dem eigentlichen Grund seines Besuchs, merkt er jedoch, dass nicht nur er es ist, der sich verändert hat, sondern auch Syrien. Ohne Nennung eines Grunds wird ihm der Pass verweigert und Hammoudi ist plötzlich gefangen in den Wirren seines Geburtslandes.

© Aufbau Verlag
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Diese Episode des Romans bildet den Aufhänger für ein Interview mit der Autorin, das die stellvertretende Chefredakteurin der taz, Katrin Gottschalk, führt. Unter immerzu auftretenden Mikrofonproblemen erzählt Grjasnowa von ihrer persönlichen Motivation, in die Syrien-Debatte einzusteigen. Ihr Mann sei selbst 2013 nach Syrien eingereist und auch durch ihre eigene, jüdische Familie sei die Flucht-Thematik für sie immer schon präsent. Man erfährt zudem viel über die Recherche zum Roman, die Grjasnowa nach Izmir, Istanbul und Lesbos führte, wo sie zahllose Geflüchtete interviewte. Die Autorin scheut sich nicht vor Appellen an ihre Hörerschaft, doch zeigt sie nie den erhobenen Zeigefinger. Alles wirkt wohlüberlegt und differenziert. Tatsächlich gerät man ins Nachdenken über das privilegierte deutsche Leben und die Macht eines simplen Passes. Dazu tragen auch die einfühlsamen Fragen Gottschalks bei.

Grjasnowa hinterlässt den Eindruck einer faszinierenden Autorenpersönlichkeit, der es gelingt, in dieser hitzigen Debatte durch ruhige Argumentation und nicht zuletzt durch Literatur neue Impulse zu setzen. Nur der vorgetragene Text hätte länger sein dürfen, denn Schreiben beherrscht Grjasnowa zu allem Überfluss auch noch.

Beitragsbild: Olga Grjasnowa und Katrin Gottschalk © Nils Bünger


Die Veranstaltung: Olga Grjasnowa liest aus Gott ist nicht schüchtern, Moderation Katrin Gottschalk, taz-studio, 23.3.17, 12.45 Uhr

 Das Buch: Olga Grjasnowa, Gott ist nicht schüchtern, Aufbau Verlag, Berlin 2017, 309 Seiten, 22 Euro, E-book 16,99 Euro


 

 

Der Rezensent: Nils Bünger

 


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