Der Lausbub der Literaturszene

Literaturkritiker Denis Scheck lockt mit dem »Best of Druckfrisch« auf die Buchmesse.   

Bereits zum dritten Mal nimmt der Publizist Scheck bei dieser Buchmesse seinen Platz auf der Bühne des ARD-Forums ein. Normalerweise bekommen ihn Fernsehzuschauer nur einmal im Monat zu sehen und dann auch nur nachts, wenn seine Sendung »Druckfrisch« in der ARD ausgestrahlt wird. In der Sendung trifft er Autoren, spricht mit ihnen über ihre Bücher sowie gesellschaftliche Themen und kommentiert weitere relevante Erscheinungen. Heute zieht er jedoch bereits bei Tageslicht sein persönliches Resümee über das vergangene literarische Jahr.

Dafür wurden etwa 30 Bücher vor ihm auf dem Tisch aufgereiht, die er nun eins nach dem anderen auseinandernimmt. Ein sportliches Programm für eine halbe Stunde, könnte man denken. Doch bei Scheck hat man das Gefühl, es könnten endlos weitere Werke beigefügt werden und er könnte noch über Stunden prägnante, informierte und teils scharfzüngige Urteile fällen. Dabei kann seine Leidenschaft für Literatur genauso in Hasstiraden ausarten, beispielsweise bei der »Snack-Poesie« einer Julia Engelmann, wie in Lobeshymnen, z.B. auf den diesjährigen Georg-Büchner-Preisträger Jan Wagner, dessen Lektüre, laut Scheck, »die erweiterte Wahrnehmung der Welt« verursache. Egal wie Scheck urteilt, aus jeder Pore seines Körpers scheint die endlose Freude an dem geschriebenen Wort zu strömen. Wirkt der kleine, rundliche, altmodisch gekleidete Glatzkopf sonst nicht übermäßig agil, so sprüht doch aus seinem Blick die lausbübische Art und Faszination eines kleinen Jungen, wenn er über Bücher spricht.

Das Publikum hier scheint er jedenfalls damit anzustecken: Das ARD-Forum ist mehr als gut besucht, wobei sich das überwiegend ältere Publikum teils einen bitteren Kampf um die heißbegehrten Sitzplätze liefert. Gleichzeitig scheint sich auch hier, auf der größten Lobpreisung des Buches, die Faszination eines flimmernden Bildschirms durchzusetzen: Obwohl vorne der Moderator Denis Scheck live zu sehen ist, starren etwa die Hälfte der Augenpaare auf die zeitgleiche Übertragung der Veranstaltung auf den Bildschirmen ringsum.

Scheck lässt sich hiervon jedoch nicht irritieren, während er sich weiter seinem Bücherstapel widmet. Dabei zeigt er auch seine große Spannbreite an Interessen und Lektüren. Zuerst urteilt er über das Werk der Buchpreisträgerin der Leipziger Buchmesse Esther Kinsky, dass man »hier nicht zum Lachen in den Keller gehe, sondern es sich für den Sarg aufhebe«, um danach das Sachbuch »Garten ist Krieg« zu loben, das endlich seiner persönlichen Einstellung zur Arbeit in der Natur Ausdruck verleihe.

Obwohl der Literaturkritiker am Ende jeder seiner Sendungen passioniert die Spiegel-Bestsellerliste auseinanderrupft, überrascht er heute zum Schluss der Veranstaltung mit seinem absoluten Highlight der letzten Zeit: dem Verkaufsschlager »Tyll« von Daniel Kehlmann. Das Wichtigste beim Lesen ist für ihn, trotz aller fachmännischen Kritik, die individuelle Erfahrung. Und so schickt er seine heutigen Zuschauer mit der Empfehlung nach Hause, nicht alles für bare Münze zu nehmen, was Kritiker wie er sagen, sondern vor allem stets sein »Hirn offen zu haben« beim Bücherkauf.  

Beitragsbild: Denis Scheck resümiert über die wichtigsten Bucherscheinungen des vergangenen Jahres. © Nicola Seele


Die Veranstaltung: Denis Scheck stellt das »Best of Druckfrisch« auf der Buchmesse vor, Leipziger Buchmesse, ARD-Forum, Halle 3, 18.3.2018, 11.30 Uhr


 

 

Die Rezensentin: Nicola Seele

 


 

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