„Der Krieg kommt vor der Liebe“

Leipzig Lauscht im Gespräch mit Lizzie Doron

Von Isabel Schieck

Die Leipziger Buchmesse findet dieses Jahr mit dem Schwerpunkt 50 Jahre deutsch-israelische diplomatische Beziehungen statt. Eine der gefragtesten israelischen Autoren der Messe ist Lizzie Doron, die in ihrem Buch Who the Fuck is Kafka über ihre Freundschaft zu einem Palästinenser schreibt. Wir trafen Lizzie Doron am Donnerstagnachmittag und sprachen mit ihr über ihre Freundschaft zu Nadim, den israelischen Friedensforscher Dan-Bar On und ihre Beziehung zu Berlin.

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LL: Frau Doron, in Ihrem Buch beschreiben Sie, wie allgegenwärtig der Krieg im Nahen Osten ist und wie jeder Aspekt des Lebens davon betroffen ist. Wie oft haben Sie heute schon ihr Telefon und die Nachrichten nach Neuigkeiten aus Israel überprüft?

Doron: Es gibt hier auf der Buchmesse kein Wi-Fi und ich hab nicht nur ein Handy, ich hab mehrere. Und wie Sie sehen, ist mein Ehemann hier und wir kontrollieren ständig unsere Telefone und das Internet. Wir stehen in sehr engem Kontakt mit der Situation im Nahen Osten. Es ist wie eine Sucht. Es ist als wenn man wissen möchte, wie es seinen Kindern geht, es ist nahezu dasselbe: Es sind die Häuser und das Zuhause.

 

Lizzie Dorons Ehemann zeigt uns sein Handy mit den Schlagzeilen israelischer Nachrichtendienste, die er vor 2 Minuten aktualisiert hat. Er hat gut drei, vier Seiten geöffnet und bestätigt, dass er diese ständig abruft.

 

LL: Die ständige Angst, dass etwas passieren könnte, eint sie bereits bei Ihrem ersten Treffen mit ihrem palästinensischen Bekannten, dem sie in Ihrem Buch den Namen „Nadim“ gegeben haben. Der Name ist arabisch und bedeutet soviel wie „Freund“. Die Beziehungen zwischen Ihnen beiden ist ja schon sehr außergewöhnlich und keine „normale“ Freundschaft. Wieso haben sie ihm trotzdem den Namen „Nadim“ gegeben?

Doron: Ich fragte ihn, welchen Namen er im Buch haben möchte. Es ist nicht sein richtiger Name, und seine erste Wahl war Muhammed. Ich sagte zu ihm „Nein, ich möchte keine religiöse Assoziation“. Und diesen Namen verbindet man im Kopf sofort mit Religion. Wenn man „Muhammed“ hört, dann ist das verbunden mit Allah und dem Koran. Also sagte ich zu ihm: „Bitte schlag einen anderen Namen vor.“ Während wir zusammen gearbeitet haben, hatten wir einen anderen Freund, der uns sehr geholfen hat, sein Name ist Nadim. Also haben wir das ein bisschen gemischt um ihn [den Nadim aus dem Buch] zu schützen. Im Übrigen hat er auch in Wirklichkeit einen Namen mit einer sehr schönen Bedeutung, aber den darf ich nicht verraten. Viele der Araber haben Namen, welche einzelnen Kategorien zugeordnet werden können und für das Buch geeignet gewesen wären. Aber ich bin sehr glücklich mit dem Namen „Nadim“.

 

LL: Gleichzeitig scheint es aber auch das Unverständnis Außenstehender zu sein, dass Nadim und Sie gegenüber Nicht-Israelis und Nicht-Palästinensern eint. Im Buch erzählen sie bspw. von einem italienischen Kellner, der ihnen beiden vorschlägt, einfach zum Christentum zu konvertieren. Können Sie ein bisschen über die Unterschiede zwischen Ihrer Zeit in Italien und Israel erzählen?

Doron: Wow, das war ein riesen Unterschied. Ich glaube Rom – das war als wenn man sich verliebt. Alle Möglichkeiten standen einem offen. Wir waren sehr glücklich, niemand übte Druck auf uns aus und wir wurden unterstützt. Die Veranstalterin der Konferenz [in Rom] war so froh uns zu sehen und sie versprach uns das Paradies. Sie sagte, sie würden uns die finanziellen Mittel besorgen und alles dafür tun, damit unser Projekt fertiggestellt werden kann. Wir hatten das Gefühl, dass wir es schaffen können. Wir fühlten uns gestärkt und nahmen dieses Hochgefühl mit nach Israel, überzeugt davon, dass es ein Kinderspiel wird. Unsere ersten Treffen fanden in Tel-Aviv statt. Tel-Aviv ist ein sehr offener und säkularisierter Ort, ein bisschen wie Berlin. Es ist dort nicht so fanatisch, es ist ein Ort, der für die Zukunft lebt. Ich glaube, selbst in Tel-Aviv hatten wir noch das Gefühl, dass es funktionieren wird. Und das, obwohl Nadim etwas zögerte, denn er fühlte sich dort fremd.

Ich musste meine Freunde davon überzeugen, dass sie uns unterstützen, dass sie die Hoffnung und die Freude mit uns teilten. Es war als ob junge Verliebte in ihre Familien kommen und sagen „Wir lieben uns und wir werden ein gutes Leben haben.“ Und alle schauen sich nur um und denken: Was für ein dummes, junges und naives Paar. Auch in Tel-Aviv hatten wir viele Auseinandersetzungen. Aber Tel-Aviv, das war mein Territorium. Aber als wir unser Projekt in Jerusalem fortsetzten, wurde ich sehr pessimistisch und fiel vom Paradies in die Hölle. Ich war mir nicht mehr sicher, ob wir es schaffen werden. Ich glaube erst in Jerusalem bekam ich ein tieferes Verständnis für den Konflikt.

 

LL: In ihren Schriften wird deutlich, dass sie anstreben, auf einer menschlichen Ebene und durch Dialoge den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern zu überwinden. Ihr Buch macht das Thema dadurch auch für Leser, die nicht alle Einzelheiten über den Nahostkonflikt kennen, greifbar und berührt sie. Ihre Arbeit wird dadurch auch mit der Arbeit von Dan Bar-On in Verbindung gebracht.

Doron: Ich habe Dan Bar-On gelesen, als ich Studentin war und bewundert ihn. Ich denke, er war sehr kreativ bei seinen Versuchen, Lösungen [für den Nahostkonflikt] zu finden. Ich habe mich mit seinen Ideen als Angehörige der Zweiten Generation auseinandergesetzt und dann aber auch vieles davon wieder vergessen, weil ich so viel anderes gelesen habe und mich mit neuen Geschichten und Themen auseinandersetzte.

Einer der Journalisten, der eine Rezension schreiben wollte, fragte mich, ob ich von Dan-Bar On beeinflusst wäre. Und in dem Moment, als er seinen Namen erwähnte, realisierte ich, dass ich in Dan-Bar Ons Tradition stehe. Ich mache genau das, was er gesagt hat: Durch das Erzählen deiner eigenen Geschichte kannst du andere erreichen. Es ist wundervoll, wie sich der Kreis jetzt schließt, denn als Studentin war Dan-Bar On eine sehr wichtige Persönlichkeit für mich.

 

LL: Spiegelt sich das auch in ihrem Schreibstil von Who The Fuck is Kafka wieder, das eine Mischung aus Tagebuch, journalistischem Schreiben und Fiktion ist?

Doron: Ich wünschte, das Buch wäre eine Art Reportage. Aber ich musste dem Wunsch von Nadim folgen, der große Angst davor hatte, aufgedeckt zu werden. Also musste ich vieles verhüllen. Dadurch konnte ich das Buch nur als eine Art Monolog schreiben, einige Details ändern und Geschichten anderer Palästinenser mit einflechten. Ich konnte nicht alles so niederschreiben, wie es in Wirklichkeit war. Der einzige Weg, wie auch Dan-Bar On gesagt hat, war: Wie auch immer deine Geschichte lautet, sie ist eine Mischung aus Vorstellungen und Szenen, die dir wirklich widerfahren sind.

LL: Haben Sie erst durch die Freundschaft zu Nadim ein genaueres Bild über die Lage der Palästinenser erhalten?

Doron: Ich glaube, ich bekam nicht wirklich ein besseres Bild über das Leben der Palästinenser. Ich verstehe das Leben der Menschen, die in Ost-Jerusalem leben. Was sich bei mir geändert hat: ich habe begriffen, wie schwierig es ist, den Konflikt zu verstehen und dass viele Menschen, die uns helfen möchten, bereits ein Urteil gefällt haben ohne wirklich zu wissen, was dahintersteckt. So wie Michelle. Ihre Rolle ist sehr bedeutend, denn sie wusste von Beginn an, wer Recht hat und wer im Unrecht ist, wer der Gute und wer der Böse ist.

Ich glaube, ich wollte andere, die uns vielleicht dabei helfen können eine Lösung zu finden, teilhaben lassen, damit sie verstehen, wie kompliziert diese Aufgabe ist. Es geht nicht nur darum gemeinsam an einem Tisch zu sitzen oder die finanziellen Mittel für ein Projekt zur Verfügung zu stellen. Man muss, das ist wieder Dan-Bar On, ein tiefes Verständnis für die Kulturpsychologie entwickeln. Das Profil der Menschen kennen, ihre Bedürfnisse, ihre Ängste und ihre Vorstellungskräfte. Es ist also sehr kompliziert. Ich bin mir nicht sicher, ob das Buch wirklich ein Leitfaden dafür ist, wie man eine Veränderung im Nahen Osten herbeiführen kann. Aber es sagt uns etwas über Menschen aus, die besetzt werden. Nicht nur die Besatzung durch eine Regierung, sondern auch die Inbesitznahme durch Religion, Vorurteile, die Vergangenheit und die eigenen Ängste. Es vermittelt also ein Verständnis dafür, dass der Wunsch nach Frieden nicht nur darin besteht, ein Abkommen zu unterzeichnen. Es geht darum, Empathie für die Anderen zu entwickeln. Das ist sehr schwierig, denn normalerweise fällt man sofort ein Urteil. Wenn mein Buch also verhindert, dass zu voreilig Schlüsse gezogen werden, habe ich schon viel erreicht.

Doron InterviewLL: Eine wichtige Rolle übernimmt in Ihrem Buch auch Dvora, die stets an Ihr Verständnis appelliert, wenn Sie wegen Nadim und seiner Gefühlsschwankungen verzweifeln. Ist sie eine Art Vermittlerin zwischen dem Menschen Lizzie Doron, der sich über einen Freund ärgert und der Lizzie Doron, die sich aufgrund ihrer Nationalität stets damit auseinandersetzen muss, dass Sie, aus Nadims Sicht, eine Besatzerin ist?

Doron: Ich denke, sie ist das Gegenstück zu Michelle. Von Zeit zu Zeit, wenn ich in ein tiefes Loch fiel, dann brauchte ich jemanden, der mich darin bestätigte, dass ich das Richtige tat. Oft war ich verunsichert und verlor meinen Weg aus den Augen. Mein Ehemann, also „Dani“ im Buch, war derjenige der versucht hat, ein Gleichgewicht in beide Geschichten zu bringen. Er betrachtete das Ganze sehr praktisch und hat die Tatsachen hinter den Geschichten gesehen. Und sie [Dvora] stellte die linken Kräfte dar, die die Palästinenser immer rechtfertigen. Es gibt Tage, an denen man so einen festen Standpunkt braucht. Ich musste bei einigen Treffen die Täterin sein, die dem Opfer zuhört. Aber meistens waren wir beide Opfer und Täter zugleich.

Dvora war also sehr wichtig dafür, dass ich das Projekt voranbringen konnte. Und ich habe sie viel mehr gebraucht, als dies im Buch zum Ausdruck kommt. Ich gab ihr jedes Stück, das ich geschrieben hatte. Und sie hat das, was ich geschrieben habe, gelesen und aussortiert. Wir haben nicht nur geredet, sondern gemeinsam am Text gearbeitet. Sie war außerdem die Erste, die involviert war in das Buch. Sie war mir eine sehr große Hilfe.

 

LL: Wir haben bereits darüber gesprochen, dass Berlin und Tel-Aviv sich sehr ähnlich sind. Sie schreiben im Buch von einer „Sehnsucht nach Europa“ und haben in Interviews gesagt, dass Berlin für sie wie eine Art „nach Hause kommen“ sei. Ist einer der Gründe dafür, warum Sie sich in Berlin so wohl fühlen, weil sie hier in erster Linie als Schriftstellerin wahrgenommen werden?

Doron: Natürlich. Ich bin in Israel geboren und ich bin Israeli aber meine Mutter kam nach Israel als Flüchtling und hatte deutsche Wurzeln. Ihr ganzes Leben lang sehnte sie sich danach, zurück nach Deutschland zu kehren. Es gibt also auch immer eine persönliche Motivation. Nach dem Projekt mit Nadim brauchte ich einen anderen Platz auf der Welt und ich fühlte mich zu Hause, denn mein Zuhause im Nahen Osten steht auf wackligen Füßen. Und ich merkte, dass das Heimatland meiner Mutter auf bestimmte Art und Weise auch meins ist und Berlin ist so offen für Neuankömmlinge. Schriftstellerin zu sein macht es natürlich einfacher, aber für mich ist es weitaus persönlicher.

 

LL: Als letzten würde ich Ihnen noch gerne ein Zitat vorlesen und mich würde Ihre Meinung dazu interessieren. Es stammt von dem isländischen Autor Hallgrímur Helgason:

„Der Krieg stellt Fragen, auf die der Frieden keine Antwort hat. Deswegen gibt es immer wieder neuen Krieg.”[1]

Doron: Ich stimme dem zu. Ich denke, eines der Grundbedürfnisse des Menschen ist Krieg und es ist schwierig, Frieden zu erlangen. Selbst bei Kindern im Kindergarten ist das so: Als erstes raufen sie sich und sie brauchen jemanden, der ihnen beibringt damit aufzuhören. Und selbst in der Schule lehrt einem der Lehrer nicht nur Mathe und Geschichte, sondern er muss auch das Verhalten der Kinder kontrollieren. Wir haben einen Instinkt zu kämpfen. Das kommt auch in einer Stelle im Buch vor und kann mit Ihrer Frage in Verbindung gesetzt werden: „Jeder braucht jemanden zum hassen“, denn man fühlt sich dadurch besser. Wenn man jemanden hasst, dann bedeutet das, dass derjenige weniger gut ist als man selbst. Wir vergleichen uns also ständig und demütigen andere. Gegen dieses Bedürfnis müssen wir ankämpfen. Der Krieg kommt vor der Liebe.

 

Vielen Dank an Lizzie Doron und ihren Ehemann für das interessante und nette Gespräch. Dank auch an Thomas Zirnbauer vom dtv für die Möglichkeit das Interview führen zu können.


 

Zum Buch: Lizzie Doron – Who the Fuck is Kafka, dtv, 14,90€

[1] aus: Hallgrímur Helgason – Zehn Tipps, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen, dtv, 9,95€

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