»Er ist der erste Superheld«

Comiczeichner Jens Harder im Interview über sein Buch »Gilgamesch«.

Jens Harder hat viel zu tun. Eben noch hat er liebevoll Bücher signiert, gleich stellt er sein Buch »Gilgamesch« dem Publikum vor. Zeit für ein Interview hat er trotzdem. Harder ist seit Jahren ein erfolgreicher Comiczeichner. Eigentlich arbeitet er am neuesten Teil seiner Evolutionstrilogie. Als kleine Fingerübung zwischendurch stellte er noch »Gilgamesch« fertig. Und das war mühseliger als geplant.

Leipzig lauscht: Worum geht es in Gilgamesch?

© Carlsen Verlag

Jens Harder: Vor circa 4.500 Jahren gab es einen mächtigen König im Zweistromland: Gilgamesch. Der lebte in Uruk und knechtete seine Untertanen, woraufhin die Götter beschlossen ihn zu prüfen, beziehungsweise ein bisschen auf den Boden zurückzuholen. Sie gaben ihm einen Gefährten an die Seite, mit dem zusammen er Dämonen oder Ungeheuer bewältigen muss. Er begibt sich dann mit ihm auf eine Reise und will die Unsterblichkeit erlangen. Das gelingt ihm nicht und auch der Freund kommt ihm abhanden. Am Ende wird er sozusagen zurechtgerückt in seinem Weltbild: Das es eben doch wichtigeres gibt als Macht und Reichtum. Es geht um Freundschaft oder darum, jemanden zu finden, mit dem man zusammen bestehen kann. Das ist viel wichtiger als das, was er vorher hatte. Das ist so das Kernthema der Erzählung.

Warum hast du dich für diesen Stoff entschieden?

Das Thema treibt mich schon seit 20 Jahren um, schon seit meiner Studienzeit. Ich finde den Stoff sehr faszinierend und jetzt als Pause zwischen den Teilen meiner Evolutionstrilogie war es für mich an der Zeit das mal umzusetzen. Und zwar mit der Bildsprache mit der sumerische Reliefkünstler vor 4.000 Jahren ihre Abbildungen niederlegten, in der Form wollte ich das auch umsetzen.

Und was macht die Geschichte von Gilgamesch für dich so spannend?

Weil sie so alt ist, aber irgendwie auch zeitlos. Weil es um Themen geht, die immer von Interesse sind: Leben und Tod, Macht und Ohnmacht. Abenteuer zu bestehen. Obwohl ich kein Fan von Abenteuern an sich bin. Aber das ist so ein Topos, so ein wichtiges Grundthema, welches sehr viele Bücher, Filme oder allgemein Geschichten über die Jahrhunderte beeinflusst hat. Das hat eine große Kraft und Bedeutung und deswegen wollte ich es unbedingt mal als Comicgeschichte umsetzen.

Du hast in einem Interview gesagt: Gilgamesch war einer meiner größten beruflichen Herausforderungen. Warum?

Comiczeichner und Illustrator Jens Harder. © Anja Jung

Die Arbeit an Gilgamesch war so schwierig, weil es nur so Reliefs und Rollsiegel und ein paar Statuen aus der Zeit gibt. Vieles ist noch gar nicht ausgegraben oder schon wieder zerstört – wie vor einigen Jahren von diesen IS-Idioten. Dann muss ich mich halt auf die paar Ausgrabungen und Relikte fokussieren und darum eine sumerische Welt wieder auferstehen lassen. Das war die Herausforderung. Aber die Adaptionen des Epos, die es schon gibt, die haben mich nicht überzeugt. Ich wollte es in dieser Bildsprache lösen und nicht modernisieren oder zeitgemäß umwandeln. Mein Interesse war es, die Geschichte eben so darzustellen, wie es jemand zu der Zeit mit seinen Möglichkeiten hätte angegangen haben können.

Ich verbinde Comics irgendwie immer mit Superhelden. Inwieweit könnte man Gilgamesch als ersten Superheldencomic bezeichnen?

Es ist der erste Superheld. Obwohl ich mit Superhelden überhaupt nicht sozialisiert bin, ich hatte damit in meiner Kindheit und Jugend nichts am Hut. Der Türöffner war für mich, dass ich an der Uni griechische Mythologie als Fach hatte, innerhalb der Kulturgeschichtsvorlesung. Da hatte ich mir als Hausarbeitsthema Herkules ausgesucht und bin beim Recherchieren auf seine Vorgängerfigur gestoßen. Herkules basiert in vielen Merkmalen und Abenteuern auf Gilgamesch, weil das nochmal mindestens tausend Jahre älter ist. Später haben sich dann die Superhelden-Autoren des 20. Jahrhunderts an Herkules und seinen Taten orientiert. Superman hat viele Merkmale und erzählerische Zusammenhänge, die auf Herkules-Sagen oder seinen Merkmalen beruhen. Zum Beispiel die halbgöttliche Abkunft oder die Umhänge. Manchmal gibt es Geschichten, in denen Superman exakt die gleichen Aufgaben lösen muss. Und das zeigt, dass es wirklich eine rote Linie gibt, die sich von diesem ältesten Mythos über die griechischen Heldensagen, wie zum Beispiel Odysseus, oder mittelalterliche Erzählungen wie Sindbad bis heute durchzieht. Es gibt bei Superhelden immer diesen Moment, wo es um Bestehen oder Überleben oder sich zur Wehr setzen geht.

Beitragsbild: Comiczeichner und Illustrator Jens Harder. © Paul Materne


Die Veranstaltung: Jens Harder stellt sein Buch »Gilgamesch« vor, Leipziger Buchmesse, 15.3.2016, 16 Uhr

Das Buch: Jens Harder: Gilgamesch. Carlsen, Hamburg 2017, 144 Seiten, 24,99 Euro


 

 

Der Rezensent: Paul Materne

 


 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.