Der David Guetta des kleinen Mannes

Quichottes Soloprogramm »Opium fürs Volk« im Kupfersaal Leipzig.

An der Bar bildet sich eine Schlange. Die Reihen vor der kleinen Bühne im Kupfersaal Leipzig füllen sich. Wer nicht hinten sitzen möchte, macht es sich an den Tischen vor der Bar bequem. Im Kerzenlicht kommt Kneipenatmosphäre auf. Der Alkohol fließt und der Wunsch, sich eine Zigarette anzuzünden, ist stark.

Es wird ruhig, denn Quichotte, der zweimalige Rapslam-Meister der Deutschen Poetry-Slam-Meisterschaften, betritt die Bühne. Gut gelaunt nimmt er den Raum und das Publikum für sich ein. Die erste halbe Stunde ähnelt einer Stand-up-Comedyshow und thematisiert die Ehrlichkeit. Wer flache Witze über Trump, dem »notorischen Lügner« oder Eigenarten von Kölnern mag, ist an dieser Stelle genau richtig. Banale Alltagssituationen zugespitzt und stereotypisiert in feinster Mario-Barth-Manier – natürlich mit überladener Gestik präsentiert.

Autor, Stand-up-Künstler, Rapper und Slam-Poet Quichotte. © Fabian Stürtz

Ähnlich verhält es sich mit seiner ersten Kurzgeschichte »Pauschalreisen«. Es wird über Rentneraerobic und grölende Reisegruppen in Trainingsjacken aus Castrop-Rauxel gewitzelt. Die Menge tobt. Endlich wird das Selbstwertgefühl angesichts des Unvermögens anderer gesteigert.

Dass Quichotte dennoch sein musikalisches und lyrisches Handwerk beherrscht, zeigt er im weiteren Verlauf der Show. Höhepunkt ist zweifellos sein Freestyle-Rap mit Begriffen aus dem Publikum. Eloquent verwandelt er selbst obszöne Wörter, wie »Vorhautverengung«, in einen stimmigen Rap. Er selbst nennt sich den »David Guetta des kleinen Mannes« und schafft es mit seiner Loop Station sowie einer Gitarre die Stimmung im Saal mit modernen und gesellschaftskritischen Liedern anzuheizen.

Der Kölner Allrounder kann aber auch ernst werden. Ein Text über einen Soldaten, der immer daneben schoss, weil für ihn das Leben das Größte sei – das Publikum verstummt. Ein Anderer über den Vergleich Deutschlands mit einem Orchester, bei der die Geige aus Syrien und die Bratsche aus Libyen stammen. Im Stück seien alle Brüder und Schwestern, allein Solisten und zusammen ein Orchester – das Publikum hört andächtig zu.

Nach anfänglichen Schwierigkeiten entwickelt sich die Show zu einem vielfältigen Wortspektakel. Quichotte vereint Gestik, Mimik und Sprachstil zu einem lyrischen Gesamtwerk.

Beitragsbild: Quichotte (links) liest seine Kurzgeschichte vor. © Clara Gärtner


Die Veranstaltung: Quichotte mit seiner Soloshow »Opium fürs Volk«, Präsentiert von Livelyrix, Kupfersaal Leipzig, 21.2.2018, 20 Uhr


 

 

Die Rezensentin: Clara Gärtner

 


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