Debüt bei den Unabhängigen

Katharina Mevissen stellt ihren Debütroman »Ich kann dich hören« im Forum »Die Unabhängigen« vor.
Der erste Messetag. Alle sind geschäftig, es herrscht Gedränge. Groß ist daher die Erleichterung auf der Lesung keinen Trubel anzutreffen. Innerhalb der bunten Standwände lässt es sich auf gepolsterten Bänken entspannt sitzen. Abgeschirmt vom Treiben der Masse kann man durchatmen und sich auf die Lesung konzentrieren. Katharina Mevissen liest aus ihrem Debütwerk vor. Um sie herum thronen die Worte »Die Unabhängigen«. Sie zieren das Lesepodest, die Leinwand hinter der Autorin und sind auch sonst überall auf dem großen Stand in Halle 5 zu sehen. Was hat es mit diesen Worten auf sich? Wie erklärt sich die Bude, die nicht, wie für kleine Verlage üblich, lediglich ein Podest ist, mit den wichtigsten Verlagsinfos und Neuerscheinungen bestückt? Sie beinhaltet im Gegenteil eine große Lesebühne mit mehreren Bänken sowie eine Bar mit ausreichend Sitzgelegenheit, die zum Treff und Kaffeeklatsch einlädt. Nun doch abgelenkt, beschließe ich meinen Fragen später auf den Grund zu gehen und lasse mich auf die Lesung ein.
Mevissen liest zwei Auszüge aus ihrem Werk. Man wird in die Welt von Musikstudent Osman Engels geführt. Kraftvoll übermittelt der Roman, dass Musik ein Teil von ihm ist, den er nicht abschütteln, ohne den er nicht Leben kann. Das Verhalten meiner Sitznachbarin beschreibt passend, welche Wirkung die geschriebenen Worte haben. Konzentriert schließt sie die Augen, als könne sie die vorgelesenen Szenen lebhaft vor sich sehen. Katharina Mevissen hat eine Sprache für Musik gefunden. Eine Sprache, die selbst einen Laien erkennen lässt, welch mächtige Rolle Musik im Leben mancher spielen kann.

Cover © Verlag Klaus Wagenbach

Dass wir auf der sonst so hektischen Messe eine halbe Stunde ohne Ablenkung in eine andere Welt eintauchen konnten, war nicht nur dem Roman, sondern ebenso dem besonderen Messeforum »Die Unabhängigen« zu verdanken.
Wie ich später von der Kuratorin des Forums Barbara Weidle erfahre, war genau dies ein Grund für seine Entstehung 2015. Ziel der Buchmessen Frankfurts und Leipzigs, sowie der Kurt-Wolff-Stiftung sei es gewesen, einen Ort zu schaffen, an dem man sich treffen, ungestört plaudern und in aller Ruhe die Mitgliedsverlage der Stiftung entdecken könne, die mit ihrem »anspruchsvollen, guten Programm sehr viel zur literarischen Vielfalt in Deutschland beitragen«. Sie sind Konzern-unabhängig – dadurch stehen sie jedoch bei Weitem nicht allein da. So bekommen die vielen kleinen Verlage hier die Möglichkeit, groß aufzufallen und ihre Interessen gemeinsam zu vertreten: Qualität statt Quantität. Die Zugehörigkeit zum Forum ist wie ein Qualitätssiegel, das zeigt, dass diese Verlage ihrem Anspruch hochwertiger Literatur treu bleiben.
Dass man bei solchen Verlagen als Autor*in gut aufgehoben ist, zeigt Katharina Mevissen. Hier passieren noch die Wunder auf die jeder Autor hofft: Das eigene Manuskript per E-Mail versenden und nicht ungelesen gelöscht, sondern entdeckt werden. So kam die junge Autorin an den Verlag Klaus Wagenbach, ein Berliner Verlag und Teil des Forums »Die Unabhängigen«. Wie Lektorin Annette Wassermann berichtet, war sie buchstäblich nach den ersten Sätzen des Romans vom Talent der Schriftstellerin überzeugt.
Doch nicht nur die Verdeutlichung von Musik als Lebensantrieb wird in ihrem Debütwerk zum Thema. Fragen nach Selbstfindung, Bedeutung des eigenen Lebens und Erfüllung plagen die Figuren. Der Unfall eines Familienmitglieds bringt zwangsläufige Veränderung im Leben der Charaktere. Für den jungen Protagonisten bedeutet dies Konfrontation mit der Vergangenheit, vor der er flüchtete. Für seine Tante Elide den Ausbruch aus ihrem tristen Leben, welches sie zwanzig Jahre für ihre Neffen pausiert, regelrecht stillgelegt hatte. Die Darstellung Elides ist bemerkenswert. Sie besitzt den Mut, den viele Menschen dringend benötigen, um nach jahrzehntelanger Aufopferung ihr Leben wieder in die Hand zu nehmen und von Grund auf zu ändern.
Der Roman führt generationsübergreifende Sorgen unserer Zeit treffend auf, untermalt mit dem einmaligen Schreibstil der Autorin. »Ich kann dich hören« ist ein Leseerlebnis, dass man nicht missen sollte und bringt die Frage auf, was die kleinen Verlage noch zu bieten haben. Das Forum »Die Unabhängigen« ist allemal einen Besuch wert.

Beitragsbild: Autorin Katharina Mevissen (rechts) mit Moderatorin Annette Wassermann (links) © Yasmin Rau


Die Veranstaltung: Katharina Mevissen liest aus Ich kann dich hören, Moderation: Annette Wassermann, Leipziger Buchmesse, Halle 5, Stand H309, 21.3.2019, 16.00 Uhr


Das Buch: Katharina Mevissen: Ich kann dich hören. Berlin 2019, 168 Seiten, 19,- Euro, E-Book 15,99 Euro


Der Verlag: https://www.wagenbach.de/


Die Stiftung: http://www.kurt-wolff-stiftung.de/


Die Rezensentin:

Yasmin Rau
Cover © Verlag Klaus Wagenbach.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.