»Das Leben ist nicht nur Schwarz und Weiß, es gibt viele Schichten von Grau«

Wie auf Tonband spult Bernd Wollschlaeger sein Leben ab. So richtig nahe kommt man ihm während dieser Lesung in der Stadtbibliothek Leipzig nicht.

Der Altersdurchschnitt ist hoch an diesem Abend in der Stadtbibliothek Leipzig, was am Thema liegen könnte. Bernd Wollschlaeger stellt seine Biographie vor, die sich mit den Verstrickungen des regimetreuen Vaters im Nationalsozialismus, der Nachkriegszeit in Deutschland und der eigenen Konvertierung zum Judentum befasst. Das klingt nach einem bewegten Leben.

Als Wollschlaeger auf die Bühne tritt, wirkt er müde und gestresst. Morgens hat der Wahl-Amerikaner seinen Anschlussflug verpasst und kam daher erst spät in Leipzig an. Als der Moderator Jens Heisterkamp die Frage stellt, aus welchen Gründen die Biographie endstanden sei, hat man das Gefühl, dass Wollschlaeger diese Frage schon mehrmals beantworten musste. Im Routine-Englisch sagt er seine vorformulierte Antwort auf, bis ihn der Moderator leicht anstubst und darauf hinweist, dass die meisten nur Deutsch verstehen.

© Europa Verlag
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Wollschlaeger erzählt von seinem Leben in Deutschland, wie es war, sich mit seinem Vater, einem überzeugten Nationalsozialisten, auseinandersetzen zu müssen und wie er in Berührung mit dem Judentum kam. Hat man das Buch schon gelesen, merkt man, dass der gebürtige Bamberger wortgleich die Stellen aus seinem Buch wiedergibt, auch hier benutzt er wohlbekannte Sätze und wählt vor allem Ereignisse mit überraschenden Wendungen, beispielsweise wie er vor dem Fernseher die Anschläge 1972 mitverfolgte und zum ersten Mal das jüdische Totengebet hörte.

Heisterkamp schafft es auch nicht, Wollschlaeger aus der Reserve zu locken und so rezitiert der Autor leider nur die wichtigsten Momente. Erst Stück für Stück taut er auf, als er sich von den Anekdoten wegbewegt und über die Konvertierung zum Judentum und dem Inhalt des jüdischen Glaubens berichtet. Seine Stimme wird lebhafter und der studierte Arzt schaut das Publikum eindringlich mit seinen dunklen, braunen Augen an. Dieses ist ganz gebannt, als er erzählt, wie der Rabbi ihn in die Gemeinde aufnahm und er das erste Mal das Totengebet sprechen durfte. Im Buch ist dieser Abschnitt fast märchenhaft geschrieben und fast zu schön, um wahr zu sein. Sonst neigt Wollschlaeger auch gerne zum Idealismus.

Wenn er sich freisprechen lässt von der Wehrpflicht in Deutschland, aber dann von seinem Einsatz mit der Waffe in Libanon spricht, dann hat man unzweifelhaft das Gefühl, dass doch ein Konflikt in Wollschlaeger selbst entstehen müsste. Gerne geht er darauf nicht ein, auch als ihn einer aus dem Publikum die Frage stellt, ob denn so ein Einsatz mit der Waffe wirklich nötig sei.

Während der Lesung schmückt er seine Erzählung mit Jiddisch und hebräischen Füllwörtern aus, ein Versuch, den Hörern seine Kultur näher zu bringen.

Viel Neues erfährt man während der Lesung nicht, obwohl seine Geschichte doch eigentlich ziemlich interessant ist, z. B. der Umgang in Deutschland mit dem Judentum in der Nachkriegszeit, aber auch die Probleme, die Wollschlaeger in Israel aufgrund der Vergangenheit mit seinem Vater bekam.

Nach einer müden Stunde beendet der Moderator das Gespräch und ein sichtlich erleichterter Bernd Wollschläger bleibt allein auf dem Podium sitzen, während um ihn herum die alternden Gäste den Saal verlassen. Wollschlaeger mag ein guter Arzt sein und ein aufregendes Leben hinter sich haben, doch an diesem Abend bekommt man davon leider wenig mit.

Beitragsbild: Bernd Wollschlaeger © Europa Verlag


Die Veranstaltung: Bernd Wollschlaeger stellt sein Buch Ich bin Jude aus dem Herzen vor, Moderation: Jens Heisterkamp, Stadtbibliothek Leipzig, 25.3.2017, 19 Uhr

Das Buch: Bernd Wollschlaeger: Ich bin Jude aus dem Herzen. Wie ich die Nazi-Vergangenheit meines Vaters bewältigte. Europa Verlag, München 2017, 272 Seiten, 18,90 Euro, E-Book 18,90 Euro


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Der Rezensent: Lukas Hartl

 


 

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