»Das Leben ist doch eins der tollsten«

An einem warmen Spätsommer-Nachmittag berichtet in der Bibliothek Plagwitz die Buchautorin und Herausgeberin Roswitha Scholz von ihrer Reihe »LEBENSZEICHEN« und liest aus dem ersten Buch »Mein Lebensende mit dir« von Tine Schulze Gerlach.

Es gibt Dinge, die kommen einem 20-Jährigen, mehr oder weniger in den Tag hinein lebenden Studenten so fern vor wie die Sterne am Firmament. Die nächste Prüfung, die Familiengründung und erst recht der eigene Lebensabend. Trotzdem ist es lohnenswert, sich darüber Gedanken zu machen, denn all das kommt letztendlich schneller als man denkt.

Großartige Gedanken über irgendwas hab ich mir jedenfalls noch nicht gemacht, als ich an einem schönen, noch sommerlichen Donnerstag Nachmittag zur Georg Maurer Bibliothek Plagwitz schlenderte. Beim Betreten des kleinen, aber feinen Lesungsraumes fühle ich zugegebenermaßen etwas fehl am Platz, nicht nur weil ich den Altersdurchschnitt erheblich senke, sondern weil sich die etwas unter zwei Dutzend Besucher sonst alle gegenseitig zu kennen scheinen. Doch nach einigen neugierigen Blicken und leisen Unterhaltungen kehrt Ruhe ein, das Fenster zur Hauptstraße wird geschlossen, und die Lesung beginnt, pünktlich um 16 Uhr.

Roswitha Scholz. © Alexander Rosenstein

Zunächst stellt Roswitha Scholz sich selbst und ihre Reihe vor. Die Buchautorin und Herausgeberin beschreibt, wie sie 1993 das Manuskript erhielt, das den Startfunken dafür zündete: »Mein Lebensende mit dir« von der Radebeuler Schriftstellerin Tine Schulze Gerlach handelt vom Miteinander-Alt-Werden angesichts der Alzheimer-Krankheit und hinterließ einen bleibenden Eindruck bei der Autorin. Zusammen mit der ehemaligen Verlagsfrau Gisela Kurtz beschloss sie, den Verlag Kurtz & Co und die Reihe »LEBENSZEICHEN« zu gründen, um Menschen über 50 die Möglichkeit zu geben, von ihren Lebensrealitäten und Herausforderungen zu erzählen. Diese Berichte sollen Mut spenden, und Menschen denen Ähnliches widerfährt oder widerfahren ist helfen, weiterzumachen. Inzwischen sind zahlreiche Bücher in der Reihe erschienen, doch das erste nimmt für Roswitha Scholz, als eine der schönsten Liebesgeschichten die sie kennt, einen besonderen Platz in ihrem Herzen ein.

Und so beginnt die Herausgeberin aus »Mein Lebensende mit dir« vorzulesen. Mit ruhiger Stimme gibt sie die Gedanken und Gefühle von Tine Schulze Gerlach wieder, die berichtet, wie ihr Mann sich unter dem Einfluss der Krankheit verändert, zunehmend merkwürdiger und fremder wird, und wie sie selbst zwischen Mitleid zu ihm und Selbstmitleid hin und her gerissen ist. Ich glaube, leise Schluchzer von den Stuhlreihen zu hören, doch sicher bin ich nicht, dazu muss ich zu sehr auf meinen eigenen Kloß im Hals achten. Es sind herzzerreißende, harte Momente, die von Frau Scholz mit steter Stimme vorgetragen werden, jedoch gefolgt von warmen, goldenen Erinnerungen. Und auch als sie am Ende des Buches ankommt und die Worte versiegen, ist die Botschaft letztendlich eine positive: dass es weiter geht, und dass man weitermachen kann.

 

 

Beitragsbild: Einige Veröffentlichungen der LEBENSZEICHEN Reihe. © Alexander Rosenstein


Die Veranstaltung:Stadtgeschichte(n) für Junggebliebene: … und das erste LEBENSZEICHEN kam von Tine Schulze Gerlach, Moderation: Roswitha Scholz, Bibliothek Plagwitz Georg Maurer, 20.9.2018, 16 Uhr


Das Buch: Tine Schulze Gerlach:Mein Lebensende mit dir. Herausgegeben von Roswitha Scholz. Leipzig 1997, 80 Seiten, 5,01 Euro.


Alex: Ein Kerl mit Brot

 

 

Der Rezensent:Alexander Rosenstein

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.