Das Horrorgesicht unserer Lieblingsmärchen

Wie jedes kleine Mädchen habe ich die Märchen der Brüder Grimm, von Hans Christian Andersen und Charles Perrault sehr gern gelesen. Allerdings in der entschärften Version. Oft habe ich meine Mutter gebeten, mir verschiedene Bücher und Hörbücher mit diesen wunderschönen Geschichten zu kaufen, ich habe tausende von den Disney-Magazinen gesammelt und habe mit meinen Freundinnen mit Disney-Puppen gespielt. Es stellte sich aber heraus, dass die Märchen, die ich aus meiner Kindheit kenne, eine verarbeitete Variante von Geschichten mit besonders grausamen Szenarien sind, die gut und gerne auch bei Erwachsenen Unbehagen hervorrufen.

Vor einigen Monaten wurde in meiner Heimat Bulgarien das Buch »Kinder- und Hausmärchen« der Brüder Grimm auf Bulgarisch veröffentlicht. Das hat viele Diskussionen wegen der Horrorinhalte ausgelöst und wurde ein zentrales Thema von Lesergruppen in den sozialen Netzwerken. »Wie lese ich meinem Kind so schreckliche Sachen vor?« »Wer hat erlaubt, dass dieses Buch veröffentlicht wird?« Das ist nur Teil der Reaktionen vieler Eltern auf Facebook und Twitter.

Dieser Skandal hat mich neugierig gemacht, und ich habe mich entschieden, das Buch zu kaufen und zu lesen. Ehrlich gesagt war ich auch schockiert, als ich das originale und brutale Gesicht meiner Lieblingsmärchen kennengelernt habe. In den ursprünglichen Grimm’schen Märchen bringt die Mutter ihre eigenen Kinder um, das Dornröschen gebärt Zwillinge, während es schläft, Rapunzel wird schwanger und vom Prinzen verlassen, die Königin aus »Schneewittchen« möchte Leber und Herz ihrer Stieftochter verspeisen …

Grausamkeit! Nach kurzer Recherche stellte sich aber heraus, dass nicht nur in den Märchen der beiden deutschen Brüder, sondern auch in denjenigen von Andersen wie »Die kleine Meerjungfrau« oder »Aschenputtel« von Perrault ähnlich derbe Sujets enthalten sind. Dabei ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass diese Märchen nicht von den Autoren selbst erdacht wurden. Die Grimms etwa waren Sprachwissenschaftler. Sie sammelten mündliche Überlieferungen, um sie für die zukünftigen Generationen zu bewahren. Die Grausamkeit gehörte damals dazu, damit war eine Erziehungsfunktion verbunden, mit der Eltern ihren Kindern geltende moralische Vorstellungen vermittelten.

Vielleicht sind diese Märchen für die Kinder von heute zu brutal und zu deutlich, trotzdem gehören sie zur Kultur der europäischen Völker, die bewahrt werden muss. Denn dadurch erfahren wir auch, wie die Menschen in dieser Zeit gelebt haben, wovor sie Angst hatten und wie sind sie mit ihren Problemen fertig wurden.

»Und wenn sie nicht eines natürlichen Todes gestorben sind, dann wurden sie umgebracht, vergewaltigt, gegessen …« So in etwa endete also ein typisches Märchen damals. Während sie heutzutage alle eher weichgespült und mit einem glücklichen Ende daherkommen, bereiteten die Märchen in ihrer ursprünglichen Fassung von vor 200 Jahren ihre Leser viel mehr darauf vor, dass das Leben nicht immer rosa und glücklich und schön sein kann.

Beitragsbild © knipseline/pixelio.de (Ausschnitt)


Das Buch: Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen (bulg.: Братя Грим: Детски и домашни приказки). Ciela, Sofia 2016, 832 Seiten, 27,90 Leva/ca. 14 Euro


 

 

Teodora Stoyanova

 


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