das auge des raben schwarz

Oder wie mir eine Katze das Herz stahl. Ein Interview mit den Libronauten.

Als Rezensentin hat mensch es auch nicht leicht. Am Ende eines langen Messetages, fußlahm, mit ganz vielen Mitschriften bepackt, noch ein wenig ausschlendernd, und fast am Ausgang geschieht es: Etwas, waldgrün, schwarz, schiebt sich in meine Wahrnehmung, ist schneller beim Herz als beim Auge. Ich fühle mich sofort wohl an diesem Stand. Und eins ist klar: Ich muss Ihnen, liebe Leser, dieses Kleinod vorstellen.

Gesagt, getan. Hier nun ein Gespräch mit den Libronauten Katze, Ferdinand Busch (F.B.) und Carollina Fabinger (C.F.). Bevor Sie jedoch zu lesen beginnen, habe ich noch eine schlechte und eine gute Nachricht. Die schlechte: Dieses Interview hat Überlänge; die gute: Sie müssen keinen Euro extra zahlen. Und nun viel Freude!

 

Was mir als Erstes an Eurem Stand auffiel, waren die Grafiken. Nicht in Rahmen, fein säuberlich in parallelen Abständen an den Wänden hängend, sondern wie eine Tapete diese überziehend, grobe Schnitte, die einen Zauber entfalten und die Geschichten eurer Bücher erzählen. Welche Rolle spielt diese Verbindung in Eurem Verlag? Und wie kam es dazu?

C.F.: Ich bin ein perfekter Unperfektionist. Ich liebe es, wenn Bilder leicht schief an den Wänden hängen und ich finde es wundervoll, manche Gestaltungsschritte einfach dem Zufall zu überlassen. Ich habe meist nur einen vagen Plan, aber ein konkretes Gefühl, welches ich erzeugen möchte. Die Schritte und Mittel, die zu diesem gewünschten Gefühl führen, können wohl von unterschiedlichster Natur sein. An einem bestimmten Punkt denke oder spüre ich plötzlich, ja! Das ist gut, genauso habe ich es mir vorgestellt. Ich fühle mich immer unbehaglich wegen des vielen »Papiermülls«, der beim Drucken entsteht und ich mag es, einem Gegenstand, der eigentlich keinen Nutzen mehr hat, eine zweite Bestimmung zu geben. Beim Drucken produziert man so viele An-, Probe- und Fehldrucke – ich habe mir gedacht, sie könnten doch noch einen schönen, inhaltvollen Hintergrund für unsere Bücher bilden, und so fanden sie ihren Weg, in zufälliger Anordnung, auf die Tapete und wurden zum Bühnenbild für unsere Bücher.

Die zweite Auffälligkeit: der Name Eures Verlags – Libronauti. Da entfalten sich vor meinem inneren Auge die Welten von Jules Verne und den Anfängen der Raumfahrt. Und da ist sie auch schon, die Katze mit dem umgestülpten Goldfischglas auf dem Kopf. Was verbindet Ihr selbst mit eurem Namen? Und was hat die Katze damit zu tun?

C.F.: Oh wie schön, deine Assoziationen!

F.B.: Da fragen wir sie doch am besten selbst, unsere Libronautin, die Katze:

Katze: … ob zwanzigtausend Meilen unter dem Meer, Reise zum Mittelpunkt der Erde oder von der Erde zum Mond und um ihn herum: Wir sind Reisende im Kosmos der Bücher. Libronauten bedienen die kompliziertesten Messgeräte, wie zum Beispiel das Librophon, die Librelle und das Libronauto, um nicht in schwarze Bücher gesogen zu werden.

F.B.: Das war, glaube ich, etwas zu viel für den Anfang, liebe Katze. Sag doch einfach: Wir lieben es, Bücher zu finden und zu erfinden, die es so unseres Wissens nach noch nicht gibt.

Katze: Das will doch jeder Verlag. Aber na gut, du bist der Chef und ich nur das Maskottchen.

F.B.: Bist du nicht. Du bist unsere Muse, und das weißt du!

C.F.: In der Tat habe ich schon als Kind die abenteuerlich-fantastische Atmosphäre von Jules Vernes Geschichten geliebt, die immer etwas mit Reisen  – in einem altertümlichen Sinn –, mit Entdecken und Erforschen unbekannter Sphären zu tun haben. Ein Libronaut ist auf jeden Fall einer, der sich voller Neugier, Offenheit, Humor und Entdeckungslust auf den Weg durch das Universum der Bücher begibt.

Katze: Sag ich doch.

In welcher Zeit seid Ihr verhaftet? Sind es eher vergangene Epochen wie die meiner Assoziation? Welche gegenwärtigen Themen fließen mit ein? Habt Ihr Visionen, was wünscht Ihr Euch von der Zukunft?

Katze: Eindeutig in den frühen Neunzigern.

F.B.: Katze, welches Jahrhundert?

Katze: … das ist egal!

F.B: Gerade das ausgehende 19. Jahrhundert und frühe 20. Jahrhundert spielt für unsere Bücher eine Rolle. Weniger inhaltlich als vielmehr von der damaligen Bedeutung des Buches in der Gesellschaft und in der Herstellung.

Katze: Dies erklärt auch, warum ihr einen ganzen Flur mit dem kompletten Meyers Konversationslexikon aus dieser Zeitspanne habt.

C.F.: Ich muss da lachen, du hast mich nämlich entlarvt: Ich denke, ich stecke definitiv in dem besonderen Zauber fest, den vergangene Epochen an sich haben. Es sind die ungreifbaren Gefühle, Atmosphären und Farben, die vergangene Zeiten in der Vorstellung aufkommen lassen.

F.B.: Unsere bisherigen Bücher beschäftigen sich mit Opern, Tee, Zirkus, Tieren, Küchenschaben und einer kafkaesken Verwandlungsgeschichte zur Fliege. All das gab es auch schon vor 100 Jahren.

Katze: … und die Küchenschaben werden euch Menschen und irdische Tiere noch alle überleben!

F.B.: Die nächsten Projekte werden, wie »ein tag fliege« risografiert mit einem Risografen. Das ist eine maschinelle Kunstdrucktechnik, ähnlich dem Siebdruckverfahren.

Katze: … aus den 1990ern …

F.B.: Es wird in dieser Reihe keine inhaltliche Einschränkung geben, eher Einschränkungen technischer Art und vom Umfang, die aber eine positive Wirkung auf die Buchgestaltung haben werden. Das zu realisieren und damit weiterarbeiten zu können, das ist die Vision.

Fabeln, Mythen, Zirkusgeschichten  – versteht Ihr Euch als Kinderbuchverlag?

F.B.: Nein. Sich als Kinderbuchverlag zu sehen, wäre eine zu große Einschränkung. Das macht in der Regel sehr abhängig von Trends und dem Anspruch, ein altersgruppenspezifisches Programm zu erstellen. Altersangaben für Bücher fand ich schon immer unnötig, bis auf ein paar Ausnahmen. Wir sehen uns bisher aber als Bilderbuchverlag. Was nicht heißt, dass die Bilder im Buch immer überwiegen müssen. »das auge des raben schwarz« hat fast 90 Gedichte und »nur« 58 Illustrationen.

C.F.: Ich verstehe unsere Bilderbücher auch nicht als Kinderbücher oder, besser gesagt, nicht ausschließlich als Kinderbücher; überhaupt fällt mir eine Einordnung oder Definition schwer, vielleicht weil ich persönlich eine solche nicht notwendig finde. Libronaut kann jeder sein, libronautische Bücher finden ihre Liebhaber und Libronauten finden ihre Bücher.

Katze: Auf meinem Stern gibt es gar kein Alter …

Eine Katze auf der Leipziger Buchmesse. © Libronauti Verlag
Eine Katze auf der Leipziger Buchmesse. © Libronauti Verlag

Hier schon und Euer Verlag ist sehr jung – erst seit 2013 verlegt Ihr kleine Schätze. Wie kann mensch sich die Gründungsgeschichte vorstellen? Saßt Ihr eines Abends mit Familie und Freunden bei einem Glas Wein zusammen und habt Euch gesagt: jetzt!?

F.B.: Also, wir saßen eines Abends mit Freunden und unserem Hund Lui im Garten als …

Katze: … auf einmal ein grüner Blitz in den alten Nussbaum im Garten einschlug. Kurz darauf sahen alle zum hell erleuchteten Abendhimmel hinauf und sahen einen Meteoriten oder etwas Ähnliches auf die Stadt zurasen. Ein lautes »Bum« beendete das Spektakel. Es stellte sich heraus, dass weder Bruce Willis vergessen hatte, auf dem Asteroid sitzend, den Knopf zu drücken, um die Welt zu retten, noch dass wirklich ein Himmelskörper auf dem Weg zur Erde war. Ich war es. Mein Ufo, wie die Erdenbewohner es nennen, hatte einen kosmischen Marderschaden oder so.

F.B.: Wir wollten diese Geschichte doch für uns behalten.

Katze: Wenn die Journalistin so gute Fragen stellt, verdient sie auch die gute Antwort!

F.B.: Ja das stimmt. Um es kurzzufassen: Unsere bruchgelandete Libronautin verfehlte nur knapp die Buchhandlung, weil in ihrem System »Buchhandlung« und »Bruchlandung« verwechselt wurden.

Katze: Auf meinem Stern haben wir eine ziemlich gute Auswahl an Büchern, alle bis dato noch unveröffentlicht in diesem Sonnensystem. Ich stellte kurz einige Titel vor, und alle waren begeistert von der Idee, diese Bücher exklusiv für dieses Sonnensystem zu veröffentlichen.

F.B.: Hinzu kam, das Carollina bereits Illustratorin war …

C.F.: … Bücher und Geschichten waren schon immer wichtig für mich; ebenso Bilder, eigene und fremde; ich habe Szenografie studiert, und Illustrationen sind eigentlich Szenografien in Kleinformat. So kam es dazu, dass ich nach meinem Studium meine erste Opernbilderbuchreihe beim Verlag Nuages in Mailand illustrierte.

F.B.: … und ich mich seit Jahren in Studium und Beruf intensiv mit Bilderbüchern beschäftigt hatte und ich …

Katze: … keine Ahnung von Betriebswirtschaft hab.

F.B.: … hm, das stimmt wohl.

Bekommt Ihr schon Manuskripte vorgelegt, tretet Ihr an Autoren und Künstler heran, oder sind Eure Bücher bisher aus der Zusammenarbeit mit Menschen aus Eurem direkten Umfeld entstanden? Welche Entwicklungen zeichnen sich diesbezüglich für die Zukunft Eures Verlages ab?

F.B.: Hin und wieder stellen sich schon Illustratoren und Autoren bei uns vor. Meistens weil sie mögen, was wir machen. In erster Linie sind wir eine kleine Gruppe, die zusammen Projekte verwirklicht. Raum und Zeit spielen in der Zusammenarbeit eine untergeordnete Rolle, was uns ermöglicht, auch mit weit entfernten oder verstorbenen Autoren zusammenzuarbeiten. James Krüss hätte mit Sicherheit seinen Spaß an »Höpftbönnöff« und der Schabenzeitung gehabt.

Katze: … Wagner wiederum hätte mit großer Wahrscheinlichkeit nichts von unserem Tristan wissen wollen … Pech gehabt – seine Werke sind gemeinfrei!

F.B.: Auch in Zukunft setzen wir bei unseren Büchern auf unser Libronauti-Syndikat. Neue Mittäter werden nach bestandener Aufnahmeprüfung gerne mit einbezogen. Aber wie gesagt, da wir (fast) keine inhaltlichen Grenzen akzeptieren, sind wir offen für neue Ideen und Menschen, solange wir einen Weg  – technisch und wirtschaftlich – finden, die Bücher in die Welt zu senden.

Für viele Verlage ist das Abwägen zwischen dem eigenen Selbstverständnis und den wirtschaftlichen Gegebenheiten alltäglich. Ihr arbeitet von vornherein mit sehr kleinen, limitierten Auflagen und habt seit Eurer Gründung nur acht Titel herausgegeben. Allesamt kleine Kunstwerke – zu moderaten Preisen. Gerade 25 Euro kostet das umfangreichste davon, »das auge des raben schwarz«. Wie geht das?

Katze: Ich sagte bereits, der werte Herr hat keine wirtschaftliche Ausbildung!

F.B.: Tatsächlich haben wir zu Beginn des Unternehmens einen kleinen Businessplan erstellt. Der besagt: Wenn die Verkaufszahlen stimmen, ist Gewinn nicht ausgeschlossen. Die meisten Bücher erscheinen in üblichen Auflagen von 1.000 bis 1.500 Exemplaren. Allerdings bezahlen wir uns in Wirklichkeit selbst keinen Lohn aus. »das auge des raben schwarz« ist zudem eine Besonderheit. Die Auflage musste auf 500 Stück limitiert werden, da wir für die 90 Gedichte Übersetzungsrechte und Lizenzen für die englischen Originale einholen mussten. Wir waren gezwungen, sehr früh in der Projektphase Ladenpreis, Seitenzahl und Auflage festzulegen. Wir haben es aber scheinbar nicht geschafft, dass es nach einem 25-Euro-Buch aussieht, da wir öfter darauf angesprochen werden …

… ja, es ist deutlich hochwertiger.

Katze: … und eine Libronautin einer nicht allzu fernen Galaxie hat uns bei der Realisation des Projekts finanziell unterstützt.

F.B.: Unsere neue selbstgedruckte Risografie-Reihe wird auch in kleineren Auflagen von 100 bis 500 Exemplaren erscheinen, da wir ja nun alle Herstellungsschritte selbst machen und lieber viele neue Ideen verwirklichen wollen, statt die gleichen Bücher bis unter die Decke zu lagern. Das spart Raum, Kosten, und man hat abends immer was Nettes zu tun, wie zum Beispiel Bücherbinden.

Blick in das Buch »ein tag fliege«. © Libronauti Verlag
Blick in das Buch »ein tag fliege«. © Libronauti Verlag

Mit Leib und Seele Libronaut also.  – Gibt es einen Aspekt, der Euch am Herzen liegt und in den gestellten Fragen noch nicht ausreichend beleuchtet wurde?

Katze: Die Beziehung zwischen Raum, Zeit und schwarzen Büchern.

F.B.: Katze, das führt zu weit in die Büchermaterie.

C.F.: Vielen Dank für dieses libronautische Interview. Die Fragen sind mit so viel Verstand und Bezug auf unsere Arbeit gestellt, dass sie eigentlich schon unbeantwortet Libronauti vorstellen.

Katze: Das ist im Übrigen kein Goldfischglas auf meinem Kopf.

F.B.: Das nächste mal darf der Hund mit zum Interview.

Oha, nun habe ich noch ein intergalaktisches Fettnäpfchen erwischt. Aber wie Sie sehen, liebe Leser, hat Katze es mir nicht übelgenommen. Ich bedanke mich ganz herzlich bei Euch, Libronauten, und bin gespannt auf die nächsten Bücher.


Das Buch: Helmbrecht Breinig und Wolfram Donat (Hrsg.): das auge des raben schwarz. Libronauti Verlag, Gelnhausen 2016, 336 Seiten, 25,00 Euro


Die Interviewerin: Katja Suske


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