Das Alphabet auf Italienisch

Ein Buchstabenbaukasten fürs Leben von Andrea Bajani.

»Mit diesen Buchstaben müsst ihr von nun an alles machen.« Dieser Satz, mit dem Andrea Bajani im Vorwort seines Buches auf die 38 Textminiaturen einstimmt, stimmt auch mich an diesem Abend auf seine Lesung im Kunstkraftwerk ein. Durch die Luft schwirren deutsche und italienische Satzfetzen. Hier ein »Ciao«, dort eine Bestellung am Tresen – und das alles mit nur 26 Buchstaben (oder wie im Italienischen mit 21). Nicht nur die melodisch klingende Sprache verweist auf Bajanis Herkunft, sondern auch das italienische Essen und der Wein an der Bar.

© dtv
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Inzwischen ist der Raum unter dem Dachstuhl gut gefüllt und das rote Dämmerlicht verbreitet Gemütlichkeit. Die Veranstaltung wird durch eine Reihe offiziell klingender Ankündigungen seitens des Kunstkraftwerks und des italienischen Kulturinstituts Berlin, das Mitveranstalter dieses Abends ist, eröffnet. Die kurzen Ansprachen fühlen sich eher wie der unangenehme Pflichtteil des Abends an. Rundherum ist noch ein wenig Getuschel zu vernehmen, anscheinend wünschen sich auch andere, dass die eigentliche Lesung beginnt. Doch darin habe ich mich getäuscht, denn die murmelnden Stimmen sind auch noch zu hören, als Bajani längst ins Gespräch mit der Moderatorin Roberta Gado vertieft ist. Gado entlockt Bajani nicht nur lustige und interessante Geschichten zu seiner Herkunft und seinem Wohnort, sondern übersetzt seine ausführlichen Antworten auch vom Italienischen ins Deutsche. Es ist spannend zu beobachten, wer aus dem Publikum Bajani folgen kann und mit dem Lachen und Schmunzeln nicht erst bis zur Übersetzung warten muss.

Bajani, der in Rom geboren ist, aber im Erwachsenenalter einige Zeit in Deutschland gelebt hat, spricht überraschend gut Deutsch, möchte jedoch lieber auf seiner Muttersprache erzählen und tut dies auch mit ausschweifenden Gesten. Allerdings, so erzählt er, spiele das Deutsche eine wichtige Rolle in seiner Wahrnehmung von Sprache, da er durch das Erlernen einer Fremdsprache einen neuen Blick auf die Bedeutung von Wörtern bekommen habe.

Diese Erfahrung spiegelt sich auch in der ersten Miniatur »Mattina« wider, was mit »der Morgen« übersetzt werden kann. Die kurzen Prosatexte handeln von alltäglichen Begebenheiten, die fast schon willkürlich ausgewählt erscheinen und manchmal auch wie melancholische Erinnerungsfetzen wirken. Die Geschichten von »A« wie »Amore« bis »Z« wie »Zoo« werden eingebettet in eine kleine Rahmenerzählung, in der es darum geht, dass man mit den Buchstaben eines Alphabets sein ganzes Leben gestalten muss und jegliche Form der Kommunikation nur mit Hilfe von aneinandergereihten Buchstaben gelingen kann. Inhaltlich haben die Miniaturen keinen Zusammenhang, ihre Gemeinsamkeiten beschränken sich lediglich auf die poetische Sprache und die Emotionen, die dem Leser am Ende eines Textes in Erinnerung bleiben.

Andrea Bajani (links), Roberta Gado (Mitte) und Nadja Grasselli (rechts). © Greta-Sophie Strauß
Andrea Bajani (links), Roberta Gado (Mitte) und Nadja Grasselli (rechts). © Greta-Sophie Strauß

Für mich ist es eine vollkommen neue Erfahrung, einem Text, den ich nicht verstehe, gebannt zuzuhören und erst, wenn Nadja Grasselli schnell und rhythmisch die Übersetzung liest, die eigentlichen Worte zu verstehen. So wechseln sich Gespräch und Lesung gleichermaßen ab, ebenso wie für mich das Lauschen der poetisch klingenden Sprachen und das Nachempfinden der Miniaturen, die sich stets direkt an den Zuhörenden richten. Der Abend klingt entspannt aus, als sich das Stimmengewirr wieder erhebt und das Kunstkraftwerk zu einer Vorabführung ihrer neuen Ausstellung einlädt.

Beitragsbild: Andrea Bajani (links), Roberta Gado (rechts). © Greta-Sophie Strauß


Die Veranstaltung: Andrea Bajani liest aus Das Leben hält sich nicht ans Alphabet, Moderation: Roberta Gado, Deutsche Texte: Nadja Grasselli, Kunstkraftwerk Leipzig, 23.3.2016, 19 Uhr

Das Buch: Andrea Bajani: Das Leben hält sich nicht ans Alphabet. München 2016, 122 Seiten, 16,00 Euro, E-Book 13,99 Euro


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Die Rezensentin: Greta-Sophie Strauß

 


 

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