Coitus philosophicus

Matthias Gronemeyer liest aus »vögeln – eine Philosophie vom Sex«.

Es gibt definitiv glamourösere Orte auf der Buchmesse als die Leseinsel der Autorengemeinschaftspräsentation. Hinter dem sperrigen Namen verbergen sich Lesungen von Autoren, die ihre Werke nicht bei einem Verlag, sondern auf eigene Faust veröffentlichen. Eingezwängt zwischen minimal kleinen Ständen, die BDSM-Romane, persönliche Lebensgeschichten und esoterische Ratgeber im Angebot haben, ist eine schmucklose Bühne aufgebaut. Gerade noch scheppert als multimediale Einbindung in eine lesbische Coming-Out-Geschichte »Aufm Bahnhof Zoo im Damenklo« von Nina Hagen von der Leseinsel, dann ist schon Matthias Gronemeyer an der Reihe und geht mit festen Schritten zum Mikrofon.

Der Stuttgarter Philosophiedozent und selbsternannte »Performance Poet« stellt sein Buch »vögeln – eine Philosophie vom Sex« vor. Ausgangspunkt ist Gronemeyers Feststellung, dass die Philosophie als Reinlichkeitsbewegung »seit zweieinhalbtausend Jahren einen großen Bogen um den Sex macht.« Weiter behauptet Gronemeyer, dass sich die Vernunft »der Sprache und der Körper bemächtigt hat. Um das zu überwinden, muss man dirty werden«.

© Matthias Gronemeyer
© Matthias Gronemeyer

Seiner Ansicht nach seien die philosophischen Instrumente und das Vokabular der Philosophie ungeeignet, um über das vögeln (kleingeschrieben – das ist Gronemeyer sehr wichtig) zu sprechen. Die verschämte Vernunft sei mit dem biblischen Abraham-Mythos entstanden, denn dieser sei der Startschuss für den Übergang von der zyklischen zur linearen Zeit gewesen. Mit der linearen Zeit sei aus dem Sex eine reine Fortpflanzungsfunktion geworden und außerdem die Frau aus dem Zeugungsakt ausgeschlossen, da einzig Vater Abraham als Mann seinem Sohn Isaak das Leben schenkte. In der linearen Zeit vereinnahme der prüde Logos den Sex und unterdrücke die Frau – aber zum Glück gibt es Matthias Gronemeyer, der endlich damit aufräumt.

Denn Gronemeyer ist schon ein cooler Typ. Wie seiner Website zu entnehmen ist, hat er bei seiner Abschlussarbeit kein einziges Zitat gebraucht und jetzt benutzt er in seinem Buch einfach so Wörter wie »Pisse«, »Möse« und »ficken«. Da haben wir es aber mit einem ganz schönen Rebellen zu tun. Sogar die Rechtschreibung ist ein zu enges Korsett für den Freigeist Gronemeyer. Um der zyklischen Zeit zu huldigen, schreibt er beispielsweise alle substantivierten Verben klein, damit die Bewegung und das »tun« hervorgehoben wird. Das ist sehr verwirrend und prätentiös, wie eigentlich auch der Rest des Buches. Der Leser wird den Eindruck nicht los, dass Gronemeyer seine Abhandlung nur im Eigenverlag herausgebracht hat, damit er ja alle »Zeitwörter« klein schreiben darf.

Zwischen seinen philosophischen Einlassungen, die wenig originell oder spannend sind, versucht sich Gronemeyer auch noch als Prosaautor. Denn er beginnt jedes seiner Kapitel mit einer Mischung aus Abraham-Mythos und Roadmovie. Dieser Teil ist noch ganz in Ordnung, aber auch nur, weil man die wirren Philosophie-Abschnitte als direkten Vergleich hat.

Obwohl Gronemeyer mit seinem Anspruch, den philosophischen Diskurs über Sex mit irgendetwas Substantiellem aufzubrechen, ohne Zweifel gescheitert ist, bleibt »vögeln« ein wunderschön eingebundenes Buch mit lustigen Illustrationen des Zeichners Thomas Putze. Wer etwas verschachtelte Literatur über den Abraham-Mythos mag und sich an schön aufgemachten Büchern mit skurrilen Zeichnungen erfreut, der kann mal einen Blick in »vögeln – eine Philosophie vom Sex« werfen.

Beitragsbild: Matthias Gronemeyer. © Rewert Hoffer


Die Veranstaltung: Matthias Gronemeyer liest aus vögeln – eine Philosophie vom Sex, Leseinsel Autorengemeinschaftspräsentation Halle 5, 24.3.2017, 17 Uhr

Das Buch: Matthias Gronemeyer: vögeln – eine Philosophie vom Sex, Stuttgart 2016, 368 Seiten, 39 Euro


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Der Rezensent: Rewert Hoffer

 


 

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