Bücher werden erst durch uns individuell

Leipziger Buchwissenschaft eröffnet die Ausstellung »Jüdisches Allerlei« im Pilot

Von Juliane GerstenbergIMG_9717

Mittwochnachmittag, kurz nach 16 Uhr: Das obere Stockwerk des Café Pilot mit seinen massiven goldenen Säulen, schweren Vorhängen und vielen Ledersesseln, arrangiert zu Halbkreisen, ist erst halb besetzt. Doch nach und nach finden sich Menschen ein: Die »üblichen Verdächtigen« oder besser: treuen Anhänger der Buchwissenschaft sind gekommen, um den Beginn der Leipziger Buchmesse 2015 zu feiern.

Auch Sigfried Lokatis, seines Zeichens Professor der Universität Leipzig und Herz der Leipziger Buchwissenschaft, trifft – wenn auch etwas verspätet – vor Ort ein. Er begrüßt hier und da bekannte Gesichter und arbeitet sich so geschickt durch den Raum zu einem grünen Clubsofa, auf dem er und seine geladenen Gäste später zu einem Gespräch platznehmen werden. Als die Stimmen verebben, begrüßt Lokatis zum alljährlichen Buchmesseempfang der Leipziger Buchwissenschaft und zur Vernissage der Ausstellung »Jüdisches Allerlei«, die in Zusammenarbeit mit Dr. Ittai Tamari, Lehrbeauftragter für jüdische Geschichte und Kultur an der LMU München sowie Studierenden der Leipziger Buchwissenschaft realisiert wurde. Die Ausstellung zeigt jüdische Raub- und Beutebücher aus den Beständen der Leipziger Universitätsbibliothek sowie jüdische Literatur, die trotz judenfeindlicher Zensur während der DDR durch engagierte Lektoren wie Jutta Janke bei Volk und Welt oder Hubert Witt bei Reclam veröffentlich werden konnten.

IMG_9720Letzterer sitzt an diesem Nachmittag mit der »Kräuterhexe« von Leipzig und besten »Spürnase für jüdische Raub- und Beutebücher« Grit Nitzsche sowie den Herren Lokatis und Tamari zum Gespräch zusammen. In längeren und kürzeren Anekdoten erzählen sie abwechselnd über ihre Erfahrungen mit jüdischer Literatur vor und während der DDR, über die Schwierigkeiten des Suchen und Findens verlorener Bücher und der Frage, wem sie am Ende gehören, wenn sie einmal gefunden sind. »Bücher sind Massenware und werden durch uns individuell«, sagt Nitzsche. Die meisten Raubbücher seien Bücher von geringem Geldwert, die durch ihre »durchlebte« Geschichte zu etwas Besonderem werden. So wird auch dieser Nachmittag durch die interessanten Einsichten in das Thema jüdische und jiddische Literatur zu etwas Besonderem, bei dem jeder noch etwas darüber lernt, wie aus der Mischung von Leipziger Allerlei mit allerlei jüdischem diese wunderbare Ausstellung entstehen konnte.


Die Ausstellung „Jüdisches Allerlei“ ist noch bis zum 15. März 2015 sowohl in den Schaufenstern des Pilots in der Bosestraße1/ Ecke Gottschedstraße als auch im Eingangsfoyer des Leipziger Schauspielhauses zu sehen. Mehr Informationen auf www.uni-leipzig.de/~buchwiss/.

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