Brennende Füchse und gefräßige Mäuse

Eine Buchkritik zum Prosaband »Der Regengott« vom litauischen Meistererzähler Alvydas Šlepikas.

Das literarische Programm, das die Leipziger Buchmesse bietet, ist uferlos. Möchte man das Angebot nutzen, um Unbekanntes für sich zu entdecken, so muss man radikal filtern. Da hilft es ungemein, dass die Buchmesse jedes Jahr ein Schwerpunktland einlädt. Die Gastländer haben so die Möglichkeit, dem deutschen Publikum ihr literarisches Schaffen in verschiedenen Facetten zu präsentieren, und das Publikum kann mit Literatur in Berührung kommen, die für sie bis dato zu großen Teilen unbekannt gewesen ist. In diesem Jahr durfte der kleine baltische Staat Litauen zu Gast sein. Einer der Autoren des Landes, Alvydas Šlepikas, stellte seinen kürzlich im Mitteldeutschen Verlag in deutscher Sprache erschienen Prosaband »Der Regengott« vor.

Alvydas Šlepikas © Mitteldeutscher Verlag
Alvydas Šlepikas © Mitteldeutscher Verlag

In fünfzehn Kurzgeschichten schildert der Autor das Leben in einer Provinz Litauens. Er widmet sich Figuren, die im Alltag des Dorflebens kaum sichtbar erscheinen. Der Ort wird zu einem Mikrokosmos, in dem die Zeit stehengeblieben ist. Dasselbe gilt für die Figuren: Der alte Laurinavičius, dessen sehnlichster Wunsch es ist, einmal zu fliegen und die Schönheit der Erde von weit oben zu sehen, scheint immer schon der alte Mann gewesen zu sein, der sich gegen das Nichtstun wehrt und deswegen die Bäume seiner Nachbarn fällt. Šlepikas schreibt über Kindheitsträume und verpasste Chancen, den Tod und die Fragen an das eigene Sein.

© Mitteldeutscher Verlag
© Mitteldeutscher Verlag

Dabei schafft er es, den Leser mit in diese Welt zu nehmen, wie ein Voyeur, der nicht Teil des Ganzen werden kann, aber direkt dabeisteht und beobachtet. Naturbeschreibungen sind von starker Bildhaftigkeit geprägt: »Eigentlich ist der Mai ein Monat, in dem das Gras alles verschlingt: Es schießt in die Höhe und drückt die Zeitungen zu Boden (…); lässt du im Garten etwas fallen, dann solltest du besser nicht danach suchen, sondern lieber die Sense zur Hand nehmen und ausholen, vielleicht entreißt du es ja dem gefräßigen Schlund.« Man kann beim Lesen fast spüren, wie das Gras um die eigenen Beine streicht.

Deutet es sich zunächst nur an, werden die Geschichten im Verlauf der Erzählungen immer surrealer. Etwa wenn Laurinavičius auf einer hohen Linde sitzt, nicht mehr herunterkommt und vom Wind davongetragen wird. Die endlich erfüllte Sehnsucht des Mannes zu fliegen, lässt sich leicht als Sprung in den Tod deuten. Die traumhafte Motivik verdichtet sich im Laufe der Lektüre. Da gibt es einen brennenden Fuchs, der Simas zu seinem Vater führt, oder eine gefräßige Maus, die das gesamte Inventar ihres unfreiwilligen Wirts verschlingt.

Alvydas Šlepikas’ Erzählungen aus der Provinz hinterlassen keinen Eindruck der Einöde. Obwohl das Gefühl von Zeitlosigkeit vermittelt wird, fernab vom hektischen Großstadtleben, geht es um mehr als die klischeehafte Tristesse des Dorfes oder eine Romantisierung desselben. Der Autor schafft es, dass sich der Leser einer Wertung der Figuren entzieht und weder in eine positive noch negative Richtung urteilt, dabei sind zur Genüge Alkoholiker vertreten, Diebe und Familientyrannen. Durch seine künstlerische Erzählweise vereinnahmt er den Leser für die Welt in seinen Geschichten.

Beitragsbild © Mitteldeutscher Verlag (Ausschnitt)


Das Buch: Alvydas Šlepikas: Der Regengott und andere Erzählungen. Aus dem Litauischen von Markus Roduner, Mitteldeutscher Verlag, Halle 2017, 192 Seiten, 14,95 Euro


Franziska Czok_90838_assignsubmission_file_Czok_Profilbild_2016-11-11

 

 

Die Rezensentin: Franziska Czok

 


 

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