Bibliotheken mit 32 Gigabyte Speicherplatz

Eine Botschaft an alle, die sich um die Zukunft ihrer Bücherregale sorgen.

»Lesen Sie überhaupt noch Bücher?«, wurden wir vor einigen Wochen scherzhaft von unserem Dozenten gefragt. Dann, schon ernster: »Wer liest denn noch die aus Papier?« Als nahezu alle Hände hochgingen, war er verblüfft. Er habe mehr E-Book-Leser erwartet.

Das ist keine untypische Reaktion, prophezeien doch, mal euphorisch, mal mit apokalyptischer Färbung, in regelmäßigen Abständen verschiedenste Stimmen das Ende des Buchmarktes, wie wir ihn kennen. Die Zeit des Umblätterns, der Eselsohren und der Spielkarten als Lesezeichen sei bald vorbei. Das Zuklappen werde dem Wegwischen weichen, die Lesebrille dem Zoomen, das Ausleihen-und-auffällig-abgenutzter-als-vorher-Zurückzubekommen dem Sharen.

Nicht selten werden solche Orakelsprüche mit einem bitteren, pessimistischen Grundton vorgetragen. Die digitale Revolution fordert ihre Opfer, die Aufmerksamkeitsspanne sinkt, der Intellekt gleich mit, die Reise in fremde Welten verkommt zum Akt reiner Selbstunterhaltung. Die Zeit totzuschlagen, mag den digitalen Auswürfen zwar gelingen, nachhaltig die Gedankenwelt zu prägen, bleibt ihnen aber verwehrt. Das schwingt mit, wenn man den Äußerungen einiger Hardliner zu dem Thema Gehör schenkt. Natürlich nicht immer, natürlich gibt es auch Zwischentöne, klar, und andererseits, sowohl als auch und überhaupt, aber sparen wir das aus. Diese Sorgen werden geäußert.

Fakt ist: 2016 betrug der Umsatzanteil von E-Books im deutschen Buchmarkt 5,4 %. Fakt ist auch: Damit hat sich der Anteil seit 2010 verfünffacht. Dafür verantwortlich sind hauptsächlich Menschen unter 30. Die an dieser Stelle nahezu unvermeidliche Anekdote, schon Aristoteles habe sich über die Jugend seiner Zeit echauffiert, Platon darauf erwidert: »Sag ich doch!« und Sokrates gleich alle Hoffnung in die Zukunft fahren lassen, möchte ich eigentlich nur ungern bemühen. Denn der Punkt ist ein anderer.

Der Punkt ist nicht, dass Zeiten sich nun mal ändern und es schon immer Menschen gab, die damit nicht besonders gut umgehen können. Oder dass die Sorge vorerst ohnehin unberechtigt sei. Oder die Debatte wohlfeil, weil sich die Entwicklung auf lange Sicht so oder so nicht aufhalten lässt. Sondern vielmehr, dass diese Debatte das Medium der Vermittlung eben über den vermittelten Inhalt stellt und davon ausgeht, ob ein lesender Mensch ernstzunehmen sei, hänge auch von seiner Präferenz für totes Papier oder leblose Schaltkreise ab. Gedruckte Schundliteratur oder virtuelle feinfühlige Meisterwerke, what’s the difference? Der Inhalt.

Ich bin selbst ein buchaffiner Mensch, ich mag das Gefühl, Filme, CDs, Bücher zu besitzen und in meinem Regal aufreihen zu können, und den vielgerühmten Geruch, wenn man durch die abgegriffenen Seiten blättert, um das Alter des Buches zu bestimmen. Ein gewisser Sammlerstolz und die ästhetische Wirkung eines liebevoll angehäuften Fundus lassen sich nicht durch digitale Ordner ersetzen. Ein iPad an der Wand ginge zwar als modernes Kunstwerk durch, ist aber nicht zu vergleichen mit Buchrücken an Buchrücken stehenden Lektürekolonnen, die immer auch einen Teil der Persönlichkeit ihres Besitzers preisgeben.

Aber solange mir diesen Genuss der privaten Bibliothek niemand verbietet oder unmöglich macht, sehe ich keinen Grund, mich zu beklagen. Und wenn mir jemand glaubhaft vermittelt, er kenne ein Buch, das wie für mich geschaffen sei, noch dazu ein Meisterwerk, ein absolutes Novum, leider sei es aber nur als E-Book erschienen, dann werde ich meine Sammlung eben um ein solches erweitern. Und wenn der Reich-Ranicki der Zukunft seine Urteile auf digitaler Basis fällt und der Günter Grass der übernächsten Generation seine Werke auf ebendieser publiziert, ändert das ja nichts am Inhalt, ob er sich nun zwischen Buchdeckeln oder auf Bildschirmen einfindet.

Also: Fürchtet euch nicht. Die Aneinanderreihung von Buchstaben hat auf dem Papier dieselbe Bedeutung wie in Stein gemeißelt oder binär verewigt. Und sollte es einmal so weit sein, dass die Zunft der Buchbinder sich beruflich ganz neu orientieren muss, werden das unsere Enkel und Urenkel auch überleben.

Beitragsbild © Pixabay (Ausschnitt)


 

 

Jonas Galm

 


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3 Gedanken zu „Bibliotheken mit 32 Gigabyte Speicherplatz

      1. Ich wollte nur auf die Entwicklung im Musikbereich aufmerksam machen, möglicherweise kann man das nicht so einfach miteinander vergleichen. Dort sehe ich die Entwicklung teilweise kritisch (konsumieren nach Algorithmen) bis katastrophal (unkontrollierter Ausverkauf von Musik in Firmen-Playlists bei Spotify).

        Für mich haben Bücher & Schallplatten eine große Bedeutung, daneben höre und lese ich viel digital. Das geht natürlich alles komplementär. Solange der Buchmarkt nicht dieselben Fehler macht … 🙂

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