Beim Schreiben kann ich ein Misanthrop sein

Die Leipziger Autorin Madeleine Prahs im Interview über ihren Roman „Nachbarn“

Von Greta-Sophie Strauss

Der Episodenroman von Madeleine Prahs ist ihr Debütwerk und erzählt von sechs Menschen in einem Zeitraum von 17 Jahren. Die erste Episode spielt in den Jahren 89/90 als die Mauer fällt. Die Menschen haben Hoffnungen, Sehnsüchte und Träume. Dies ist der Start für sechs verschiedene Schicksale, die teilweise miteinander verstrickt sind. In drei weiteren Jahren (1994/2001/2006) bekommt der Leser erzählt, wie es den Figuren in ihrem Leben ergeht.

Portrait Madeleine Prahs 2014
© Louis Volkmann

 

 

Wie haben Sie an dem Roman gearbeitet?

Der Roman hat sich aus einer Kurzgeschichte heraus entwickelt. Hier waren bereits alle Figuren vorhanden – bis auf das kleine Mädchen Marie und die Kurzgeschichte trug zu dem Zeitpunkt den Titel „Nachbarn“. Die Figuren – vom Rentner bis zum kleinen Kind – habe ich mir im Grunde Stück für Stück erschrieben. Das war ein langer, aber auch sehr wichtiger Prozess. Hemingway hat das als »Eisbergmodell« definiert: Von jedem bisschen, das sichtbar ist, liegen sieben Achtel unter Wasser. Alles, von dem man weiß, und das man eliminieren kann, festigt den Eisberg nur. Ich wusste, ich muss diese Leben nicht bis ins kleinste Detail auserzählen, aber ich muss die Figuren kennen, und zwar sehr gut.

Wie kamen Sie denn zum Schreiben?

Während der Schulzeit habe ich angefangen, Gedichte zu schreiben. Die Gedichte wurden dann irgendwann länger und ausführlicher, es wurde kleine Prosaminiaturen, aus den Prosaminiaturen wiederum entwickelten sich Kurzgeschichten und aus der Kurzgeschichte dann der Roman. 2005 wurde ich dann in eine Autorenwerkstatt in München eingeladen und dort habe ich dann zum ersten Mal mit anderen Schreibenden über meine Texte gesprochen. Bis dahin war das eine sehr stille, sehr einsame Angelegenheit – und das ist der Prozess des Schreibens an sich ja immer noch. Gottseidank.

Durch die episodische Struktur bekommt man nur kleine Ausschnitte der Geschichte geliefert. Was hat sie an dieser Struktur gereizt?

Ich mag diese episodische Struktur sehr, sie hat etwas Filmisches. Sie ermöglicht es außerdem, komplexe Geschichten zu erzählen und vielschichtige Figuren zu entwerfen. Ich behandle ja einen langen Zeitraum, nämlich 17 Jahre und mir war von Anfang an klar, dass ich diese Zeitspanne nur schlaglichtartig und elliptisch erzählen kann.

Sie kommen gebürtig aus Karl-Marx-Stadt. Ihre Familie ist dann, als Sie neun waren, an den Ammersee in Bayern gezogen. Das weist eine gewisse Parallele zu der Figur der Anne auf. Können Sie sich mit ihr identifizieren?

Ich glaube schon, dass jede Geschichte, die man schreibt, immer auch ein autobiografisches Moment hat, aber welcher das genau ist, das lässt sich nicht oder nicht mehr sagen. Ich habe versucht, mich in jede meiner Figuren sehr intensiv hineinzuversetzen, auch in Karl Fritzsche. Der ist Rentner, Misanthrop und Diabetiker. Das bin ich im realen Leben nicht (lacht), aber beim Schreiben kann ich es eben sein und das ist das Wunderbare daran.

Heute sind Sie Wahl-Leipzigerin. Wie erleben Sie dieses Jahr die Buchmesse als Autorin und nicht mehr als Besucherin?

Ich bin früher schon immer gerne zur Buchmesse gegangen oder habe im Rahmen von „Leipzig liest“ Lesungen besucht. Plötzlich selbst vor Publikum zu sitzen und zu lesen – daran musste ich mich erst gewöhnen. Man sitzt ja jahrelang allein in einem Raum mit seinen Figuren, dann ist das Buch auf der Welt und man führt Gespräche darüber, stellt sich einer Öffentlichkeit. Das kann durchaus auch Spaß machen, aber langsam freue ich mich auch wieder auf die einsame Zeit am Schreibtisch.

Madeleine Prahs auf der Buchmesse: 14.3 um 20.00 Uhr im Café Cantona: Madeleine Prahs liest „Nachbarn“ & Verena Günter liest „Es bringen“

Zum Buch:Nachbarn“ dtv- Verlag, 19,90€

nachbarn

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