Behind the book: Interview mit dem selbstständigen Verleger Andreas Heidtmann

Weiter geht es bei »behind the book« mit der Vorstellung eines außergewöhnlichen Verlagskonzepts. Mitten in Leipzig betreibt Andreas Heidtmann seinen Ein-Mann-Verlag »poetenladen«, der sich auf Lyrik und Prosa spezialisiert hat. Im Interview mit unserer Redakteurin Yvette Gieseke erzählt Andreas Heidtmann von seiner Arbeit als Independentverleger.

 

Wie kam es zur Gründung des »poetenladens«?

Der »poetenladen« war zunächst ein literarisches Webportal – daher rührt auch der Name. Aber es genügte den AutorInnen und mir nicht, nur Texte online zu stellen, was gleichwohl 2004 etwas Spannendes und relativ Neues war. Zu jener Zeit sammelte der »poetenladen« mehr als 1000 Autorinnen und Autoren mit Prosa, Lyrik, Essays und Rezensionen. Der erste Schritt Richtung Verlag ging mit dem Wunsch einher, etwas von der Lebendigkeit und Vielfalt des Portals festzuhalten – gedruckt. So entstand das Magazin »poet«. Bald regten Autoren an, Einzeltitel zu drucken, zumal der »poetenladen« durch seine Netzpräsenz einen großen Kreis an Lesern hatte. Seit 2010 versteht der »poetenladen« sich überwiegend als (Print-)Verlag.

Was ist das Besondere an Ihrem Verlag?

Zum einen die Entstehungsgeschichte aus einem Webportal heraus, was damals auch in den Medien viel Resonanz fand unter dem Motto: Vom Netz zum Druck. Es war ja der umgekehrte Weg, wie er in jener Zeit üblich war. Verlegen bedeutet für mich zum anderen auch, qualitativ hochwertige Bücher zu machen, also überwiegend gebundene, fadengeheftete Bücher. Wir haben – wie ich hoffe – ein klar erkennbares Design bei den Covern und arbeiten ausschließlich mit Illustratorinnen der Hochschule für Grafik und Buchdruck Leipzig zusammen. Das Programm ist klar definiert und sollte Entdeckerfreude erkennen lassen.

Andreas Heidtmann © poetenladen

Wie würden Sie Ihr Verlagsprogramm beschreiben?

Es gibt drei Felder: Die Lyrik, die Prosa und das Literaturmagazin poet/in. Wir sind also ein rein literarischer Verlag. Da wir als Independentverlag keine Lizenzen einkaufen und keine Bestsellerautoren anfragen, arbeiten wir gern mit neuen, jungen Autorinnen und Autoren zusammen. Wer einen konventionellen, unterhaltsamen Roman schreibt oder populäre Sachtexte, ist besser in einem klassischen Publikumsverlag aufgehoben. Wer Neues in der Prosa erkundet oder Lyrik verfasst, der findet bei uns sein verlegerisches Zuhause – nicht nur, weil stärker kommerziell ausgerichtete Verlage weniger Interesse an Lyrik haben, sondern weil wir darauf spezialisiert sind und die Szene und die Möglichkeiten sehr genau kennen, wie auch die Zahl an Preisen zeigt, die wir für unsere Bücher bislang bekommen haben.

Wie entscheiden Sie, ob ein Manuskript verlegt wird oder nicht?

Unverlangt eingesandte Manuskripte können wir in der Regel nicht verlegen. Wir haben einerseits Hausautoren, so dass hierdurch schon ein Teil des Programms abgedeckt wird, zum anderen beobachten wir die Entwicklung von AutorInnen, indem wir Literaturzeitschriften lesen oder die aktuellen Wettbewerbe verfolgen oder auch Hinweise von Insidern bekommen.

Was fasziniert Sie so an Lyrik und Prosa und wieso haben Sie sich darauf spezialisiert?

Es gibt hinreichend Verlage, die sich um das Gros der Literatur kümmern, aber wenige Verlage, die sich für die eher neu ausgerichtete Literatur engagieren, weil diese natürlich schwer verkäuflich ist. Dafür bedarf es eines kleinen Teams. Hier sehe ich den Schwerpunkt des Verlegens, wie es mir vorschwebt. Also ein Verlegen, bei dem geschäftliche Erwägungen nicht an erster Stelle stehen, sondern inhaltliche. Die Literatur, die für uns in Frage kommt, sollte Neues in neuer Form zu sagen haben. Wenn ein Buch mich überzeugt, spielt die Auflagenhöhe keine Rolle. Aber wir tun natürlich alles dafür, dass es so oft wie möglich verkauft wird. So haben wir auch schwierigere literarische Titel, die in die dritte und vierte Auflage gehen.

Wie sieht Ihr typischer Arbeitsalltag aus?

Dass er meist untypisch ist. Was mir beispielsweise Freude macht, ist die Fahrt in die Druckerei, wo ich bei jedem Buch gemeinsam mit dem Drucker die Farben und anderes direkt vor Ort prüfe. Ich treffe mich mit AutorInnen zu Lesungen oder zum Gespräch. Auch die Arbeit in Jurys ist mir wichtig und ein Teil der Vernetzung. Ebenso wie das Engagement in literarischen Vereinen und Verbänden. Gelegentlich schreibe ich über Literatur und lese natürlich regelmäßig neue Texte. Zum Alltag gehören auch viele Mails und Gespräche zur Koordination von Projekten.

Was schätzen Sie am meisten an Ihrer Selbstständigkeit?

Ich fände es anstrengend, wenn mir jemand täglich vorgeben würde, was ich tun sollte. So bleibt nur die Selbstständigkeit, die natürlich, bei Licht besehen, genauso wenig frei von Abhängigkeiten ist. Aber ich habe zumindest das Gefühl, selbst zu entscheiden, welches Buch ich mache und welches nicht, und werde nicht so häufig mit Themen konfrontiert, die mir nicht liegen.

Mit welchen Problemen hat ein Ein-Mann-Verlag zu kämpfen?

Ich denke, viele Probleme sind denen in großen Verlagen verwandt. Wenn die Digitalisierung fortschreitet, werden weniger Buchtitel erworben. Die jüngere Generation liest seltener herkömmliche Bücher, was zu geringeren Verkäufen führt. Je kleiner ein Verlag, umso mehr muss man präsent sein und trägt für den einzelnen Titel mehr Verantwortung – von der Manuskriptauswahl über das Lektorat bis hin zur Gestaltung und zu Veranstaltungen. Auch wenn wir dafür jeweils mit Profis kooperieren, muss doch alles koordiniert werden. Der Mythos vom Ein-Mann/Frau-Verlag darf sicher auch hinterfragt werden, da auch größere Verlage vieles ausgliedern. Kaum ein Verlag hat noch eine eigene Druckerei – wie ehemals Reclam in Leipzig –, kaum einer eigene Cover-Layouter oder Übersetzer. Mehr und mehr solcher Aufgaben werden an spezialisierte Teams vergeben, so haben unter anderem Literaturagenturen an Relevanz gewonnen und sind eine Art Outsourcing, indem sie für viele Verlage die Manuskriptsuche bis hin zum (Vor-)Lektorat übernehmen.

Wie wichtig sind Buchmessen für Sie?

Sehr wichtig. Aber zunehmend von Bedeutung erweisen sich seit Jahren für die Independents die kleinen literarischen Messen: »Andere Bücher braucht das Land« in München. »Kleine Verlage am Großen Wannsee« in Berlin, »BuchLust« in Hannover, »Wetterleuchten« in Stuttgart. Da macht es Spaß, seine Bücher auszustellen, da das Publikum gezielt zu uns kommt. Auf den großen Buchmessen in Frankfurt und Leipzig ist das allgemeine Publikum stark auf große Ereignisse und Namen fokussiert. Es sind Events.


Zum lokalen Schmökern: Poetenladen, Blumenstraße 25, 04155 Leipzig

Zum online Schmökern: www.poetenladen.de, www.poetenladen-der-verlag.de, www.poetmagazin.de


Beitragsbild: © Katharina Hoppe

 

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