Backe, backe Kuchen, Michael hat gerufen!

Kuchen oder Torte? Das ist die Frage! Michael Hametner – ein literarischer »amateur de toutes les bonnes choses de la table« stellt als Auftakt der Leipziger Buchmesse die vierte Edition der aktuellen Publikationsreihe »Paradiesische Dialoge« vor. Im Gespräch mit dem Autor Marcel Beyer und der Fotokünstlerin Jacqueline Merz offenbart sich Hametner als Garant gelungener Moderation. Was sind aber die Zutaten einer gelungenen Lesung?

Als Autor erhielt Beyer zahlreiche Preise, darunter 2008 den Joseph-Breitbach-Preis und 2016 den Georg-Büchner-Preis. Zum Pläsier des Publikums präsentiert er sich mit seiner Lebensgefährtin Jacqueline Merz, einer Fotokünstlerin aus der Schweiz, voller Esprit. »ah bon?« Ja, denn es ist nicht immer leicht, allen Erwartungshaltungen gerecht zu werden. Gerade dann, wenn das kalte Licht des Vortragssaales die konzentrierte Emanation Beyers tangiert. Das Publikum scheint sich aber einer Sache gewiss zu sein, denn »[w]enn man älter wird, so lernt man eben einsehen, daß man von einem Menschen nicht alles verlangen kann und das man zufrieden sein muß, wenn ein Weinstock Trauben trägt. In jüngeren Jahren verlangt man auch noch Erd- und Himbeeren dazu.« Wer diese Worte Fontanes kennt, der erhält einen guten Eindruck vom Ambiente dieses Abends.

Marcel Beyer © Manfred Stahl

Doch bereits die Frage nach der Wahl des Tortenbodens ist keine Petitesse. Im Vortragssaal der Bibliotheca Albertina geht es aber auch darum, die hochwertigen Zutaten auch genussvoll miteinander zu verbinden. So suggeriert und forciert die besondere Zeitgeschichte, ja sogar die nostalgische Atmosphäre der Universitätsbibliothek nur die Erwartungshaltung auf intellektuelle Ergüsse. Gleichsam bitte ich an dieser Stelle um Pardon, denn es ist ein konstitutiver Fehler, vom Tortenboden auf den Geschmack des ganzen Backwerks zu schließen, vor allem in Betracht der literarischen Frische dieser erlesenen Zutaten. Michael Hametner, der Herausgeber der vierten Edition der »Paradiesische Dialoge« lenkt den Abend mit großer Raffinesse. Je nach Sujet und Gesprächspartner entwickeln sich die wenigsten Lesungen zum gefälligen, niemandem etwas Böses wollenden Zwiegespräch, zur intellektuellen Florettfechterei oder – in diesem Fall – zur einer wahren »délicatesse«. Der Titel »Paradiesische Dialoge« meint das Gespräch zweier Superlative ihrer Kunst über die Welt. Diese ist sicherlich kein Paradies, aber wenn Wort- und Bildkünstler ihr neue Seiten abgewinnen, betreten sie Eden, nämlich ein Schlaraffenland der unendlichen Möglichkeiten der Kunst. Aus dem Selbstgespräch des Künstlers beim Arbeiten wird ein Dialog. In diesem Fall, der charmante Dialog zwischen Marcel Beyer und Jacqueline Merz. Was zu bemerken ist, war die bald perfektionierte optische Präsentation der massiven Autorität Beyers, die man sein Markenzeichen nennen könnte. Sanfte Nuancen in der Vorlesestimme verrieten ein gewisses Maß an Nonchalance und minderten nicht im Geringsten den Ernst und die Contenance des Autors. Das Rezept des Abends – erstklassig! Die Backzeit – perfekt! Aber wenn es um Geschmack geht, dann muss jeder selbst kosten und für sich entscheiden. Und um nicht in die Bredouille zu geraten, eben dieses bescheidene Konditional. Trotz der durch das Wetter verursachten Tristesse und nicht nennenswerter Kleinigkeiten – eine Bewertung mit fünf Sternen!

Beitragsbild: Bibliotheca Albertina © Dominik Dungel


Die Veranstaltung: Lesung und Gespräch mit Marcel Beyer und Jacqueline Merz, Moderation: Michael Hametner, Paradiesische Dialoge. Band 4, 19.03.2019, 19:30 Uhr, Bibliotheca Albertina, Vortragssaal – Leipziger Bibliophilen-Abend e. V.


Das Buch: Marcel Beyer, Paradiesische Dialoge. Bd. 4, Leipzig 2018.


Der Rezensent:

 

 

Dominik Dungel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.