Ausgewogenheit statt Stellungnahme

Charlotte Wiedemann redet über ihr neues Buch und teilt ihr Verständnis einer neuen iranischen Gesellschaft mit.

Das Publikum erstaunt den Leipzig-liest-Besucher noch zu später Stunde: Durch die vielen Menschen wirkt der sonst so karge Grassisaal in der Stadtbibliothek zum ersten Mal lebendig. Die Wände sind zwar immer noch nackt und weiß, doch jetzt vermutet man hier zumindest mehr als den anmietbaren Konferenzraum einer Pension in Großenhain. Hinten rechts sitzen zwei junge Punks, die Haare rot und grün, und warten ebenso geduldig wie das alte Ehepaar neben ihnen. Lange dauert das Warten jedoch nicht. Mit zwei knappen Sätzen eröffnet Moderator Bernd Schekauski die Veranstaltung und übergibt das Wort sogleich seinem Gast.

Die langjährige Erfahrung mit dem Thema ihres Buches »Der neue Iran« merkt man der Journalistin Charlotte Wiedemann sofort an. Seit nun fast zehn Jahren schreibt sie über verschiedene Regionen der Welt, über den Islam und vor allem über die Menschen, denen sie auf ihren Reisen begegnet. Damals wie heute stehen genau diese im Mittelpunkt ihres Schreibens: ihr Alltag und ihre Sorgen sowie die Komplexität der Gesellschaften, in denen sie leben.

Heinke_Wiedemann_CoverMit Momentaufnahmen aus den Leben im Iran schafft sie es in ihrem aktuellen Buch, ein lebendiges Mosaik zu gestalten. Wiedemann beschwört die komplexe Realität der Iraner herauf. In einer Welt, in der die bloße Erwähnung dieses Landes eine politische Stellungnahme zu erfordern scheint, entscheidet sich Wiedemann für Ausgewogenheit. Es ist ihr wichtig, die Dualität dieses Staates darzustellen, das zwischen dem Regime und einer Bevölkerung gefangen ist, die sich simpler Kategorisierung entzieht.

Leider liest sich nur drei sehr kurze Passagen, eher Zitate, aus dem Buch, und der überwiegende Teil der Veranstaltung konzentriert sich auf ein Frage- Antwort-Spiel zwischen Moderator und Autorin. Dennoch ist das Interesse der Zuhörer groß, die erwartungsvoller Stille belegt es. Nach einer knappen Stunde bedankt sich Charlotte Wiedemann und erntet üppigen Applaus von allen Anwesenden. Wer noch etwas sitzenbleibt, kann die einsetzendes Diskussionen unter den verbliebenen Besuchern nicht überhören. Das Interesse aller an der widersprüchlichen und einzigartigen Welt des neuen Iran scheint in allen geweckt.

Charlotte Wiedemann. © Anette Daugardt (Ausschnitt)


Die Veranstaltung: Charlotte Wiedemann Der neue Iran, Moderation: Bernd Schekauski, Stadtbibliothek, 23.3.2017, 21 Uhr

Das Buch: Charlotte Wiedemann: Der neue Iran. dtv, München 2017, 304 Seiten, 22,00 Euro, E-Book 15,99 Euro


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Der Rezensent: Georg Heinke

 


 

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