Aus dem Dickicht der Aufklärung

Bei der Vorstellung seines Kalenders fehlt Hans-Georg E. Sandmann ein Fachpublikum, das ihn versteht.

Hans-Georg E. Sandmann, ein Mann mit wirren grauen Haaren und gemütlicher Strickjacke, löst langsamen Schrittes seinen Vorredner ab, der gerade noch versucht sein Buch den Zuhörern schmackhaft zu machen. Sandmann geht etwas unbeholfen zum Pult. Dabei klärt er mit der zuständigen Mitarbeiterin seine verbleibende Zeit ab, schaltet dann das Mikrofon ein und beginnt mit warmem rheinischen Akzent seinen Kalender vorzustellen. Mittlerweile sind die meisten Sitze in der Leseecke verlassen.

Sandmann hält ihn kurz hoch, seinen Kalender – ein dreieckiges Ding, das die meisten der Zuschauer vermutlich niemals von Nahem sehen werden. Er redet auch nur kurz darüber, erklärt den komplizierten, langen Titel »Aus dem Dickicht der Aufklärung, zur Klarheit der Sachlichkeit«. »Hierbei handelt es sich um die damalige Aufklärung, von einer Generation, die den Weg für uns geebnet hat.« Aber schnell fängt er an über die neue Generation und ihren »Social-Media-Kram« herzuziehen. Man merkt Sandmann an, dass er ein besorgter Lehrer ist, besonders als er anfängt gegen die PISA-Studien zu hetzen und den OECD die Schuld gibt, sich zu sehr in das deutsche Bildungssystem einzumischen. Die wenigen Zuschauer sind jedenfalls überfordert. Inmitten der Vorlesung fragt man sich dann, auf was der Herr da vorne eigentlich hinaus will und was das Bildungsthema wirklich mit dem Inhalt seines Kalenders zu tun hat. Doch er schafft es rechtzeitig den Bogen zu spannen – von seiner Kritik an der heutigen »unaufgeklärten Generation« zu der Zeit, als die Aufklärung gerade begonnen hat.

Wenn er dann erzählt, wie damals noch die Kritik am System ein Privileg war und »die Leute sich aus dem Fenster gelehnt haben, damit wir es einmal besser haben können«, wird er spürbar lebhafter.  Er bewegt wild seine Arme und schaut eindringlich die letzten verbleibenden Zuschauer an. Man merkt, dass ihm dieses Thema am Herzen liegt. Leider ist die Ausgangssituation seiner Lesung ungünstig. Zwischendurch schaut er immer nervös zu den zwei Damen an der Seite der Bühne, ob die Zeit schon abgelaufen ist. Eigentlich will man dem gebürtigen Mannheimer mehr Zeit einräumen, damit er auch den Zusammenhang zwischen Aufklärung und dem Problem der heutigen Leistungsgesellschaft verständlich machen kann.

Doch bevor er auf den Punkt kommen kann, erinnert ihn auch schon die junge Dame der Leitung an den nächsten Gast, für den er die Bühne räumen muss. Zum Ende hin betont er noch, dass er keine Signierstunde halten wird, um sich dieser »Verkaufsveranstaltung« zu enthalten. Die Gäste stehen auf und verschwinden wieder unbeeindruckt in dem Strom der Messebesucher. Man wünscht dem Autor einen anderen Ort für seine Lesung. In der Leseecke geht Sandmann in der Hektik unter. In seinen Kalender sollte man aber schon einmal einen Blick werfen.

Das Beitragsbild: Hans-Georg E. Sandmann. © Quadrate TV


Die Veranstaltung: Hans-Georg E. Sandmann: Aus dem Dickicht der Aufklärung, zur Klarheit der Sachlichkeit, Messegelände, Forum Literatur Halle 4, 25.3.2017, 12:30 Uhr

Das Buch: Hans-Georg E. Sandmann: Aus dem Dickicht der Aufklärung, zur Klarheit der Sachlichkeit. Manhattan, München 2015, 160 Seiten, 12,99 Euro, E-Book 9,99 Euro


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Der Rezensent: Lukas Hartl


 

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