Auf eine ganz besondere Art unspektakulär

Arno Geiger gastiert im Haus des Buches, um seinen Weltkriegsroman »Unter der Drachenwand« zu präsentieren und mit Literaturwissenschaftler Dirk Knipphals zu sprechen.

© Hanser Verlag

Inmitten der Veranstaltung macht Moderator Dirk Knipphals das Publikum im Leipziger Literaturhaus auf eine Entdeckung aufmerksam, die er bei der Vorbereitung auf die heutige Veranstaltung gemacht hat: Wenn die Sonne richtig steht, wirft die titelgebende Drachenwand, unter der Geiger die Handlung seines neuen Romans verortet hat, einen so imposanten und weitreichenden Schatten, dass man ihn selbst aus dem Weltall bestaunen kann. Die Satellitenansicht auf Google-Maps ermöglicht dem Betrachter diese Erkenntnis, die sinnbildlich für die Geschichte steht, die Geiger in seinem neunten Roman erzählt.

Sie handelt von Veit Kolbe, einem jungen Mann, den das Schicksal mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs an die Ostfront der deutschen Wehrmacht gezogen hat. Nach fünf Jahren des Schreckens schlägt das Schicksal ein zweites Mal zu. Im Jahr 1944 erlaubt ihm eine Kriegsverletzung, die Front zu verlassen und sich zurückzuziehen. Unfähig die Schonfrist im Hause seines kriegsfanatischen Vaters in Wien zu verbringen, verschlägt es Veit Kolbe in den österreichischen Badeort Schwarzindien. Der liegt sowohl am Mondsee als auch unter der besagten Drachenwand. In diesem geschützten Raum, der unter einer Glocke zu liegen scheint, über der taub der Weltkrieg tobt, versucht Veit Kolbe das erfahrene Grauen zu verarbeiten. Dabei trifft er auf Personen, denen der Autor keine Namen gegeben hat, sondern Bezeichnungen: Der Brasilianer. Die Quartiersfrau. Die Darmstädterin. Mehr Typen als Charaktere, zu denen Veit Kolbe so schleichend Beziehungen aufbaut, wie diese die Handlung vorantreiben.

Arno Geiger. © Hanser Verlag

Die Innenansicht von Veit Kolbe versprüht ein Gefühl von Ohnmacht und Traumata, das den gesamten Roman begleitet. Wenn Geiger liest, überträgt sich dieses Gefühl auf den großen Saal im Leipziger Literaturhaus, so andächtig und still ist das Publikum. Für den Leser ist besonders das Gespräch mit Moderator Knipphals interessant. Vor 13 Jahren begann das Projekt, dessen Ergebnis nun erschienen ist. Viele tausend Briefseiten aus dem Zweiten Weltkrieg habe Geiger gelesen, um diesen Roman schreiben zu können. Briefe, deren Inhalte auf eine ganz besondere Art unspektakulär seien, so Geiger.

Natürlich gab es Inspiration für einzelne Figuren aus dem Brief-Konvolut, das Geiger zufällig auf einem Flohmarkt aufgetan hat, aber am Ende ist der Roman »ein erfundenes Haus mit echten Türen und Fenstern«. Sein literarischer Versuch besteht darin, die ganze bizarre Normalität der Kriegsjahre einzufangen und diese aus der Perspektive unspektakulärer Charaktere zu erzählen. Dass dieser Versuch gelang, verdankt er seinem schriftstellerischen Talent, sich in die Figur hineinzudenken. Das ging so weit, dass er Veit Kolbe geworden sei, so Geiger.

Das sind starke Worte eines Schriftstellers, der mit »Unter der Drachenwand« bewiesen hat, dass es möglich ist, ein Einzelschicksal der schwersten Jahre jüngerer Vergangenheit sprachlich so zu schildern, dass es beim Leser nichts Geringeres als ein Gefühl des Authentischen erzeugt. Neben seinem Talent hat der Autor noch einen weiteren Grund dafür parat, wie dieser große Wurf gelingen konnte. Arno Geiger ist überzeugt, dass »wir alle schicksalshaft mit den Schrecken der Menschheit verdrahtet« sind.

Beitragsbild: Arno Geiger signiert seinen Roman. © David Seeberg


Die Veranstaltung: Die Zukunft war anders: Arno Geiger Unter der Drachenwand, Moderation: Dirk Knipphals, Haus des Buches Leipzig, 1.3. 2018, 19.30 Uhr

Das Buch: Arno Geiger: Unter der Drachenwand. Hanser Verlag, München 2018, 480 Seiten, 26 Euro, E-Book 19,99 Euro


 

 

Der Rezensent: David Seeberg

 


 

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