Angola, Rudolfstadt und andere Parallelwelten

Portugiesische Literaturstars auf der Leipziger Buchmesse.

Es ist 18.30 Uhr, und im Keller des Telegraphen steht ein leerer Tisch auf der Bühne. Das rote Licht wirkt zu dieser Uhrzeit etwas zu schummrig, eine Discokugel schwebt einsam über den Köpfen des wartenden Publikums. Gonçalo M. Tavares – hierzulande kaum bekannt, in Portugal ein Literaturstar – sitzt neben dem Eingang und schiebt seine Brille zurecht. Er wartet. Ein Zigarettchen später sind auch die anderen da. In Begleitung zischelnder Konsonanten setzt sich die kleine Gruppe an den Tisch. In der Mitte Michael Kegler, Literaturübersetzer und Moderator, der sich für diesen Abend viel vorgenommen hat: Gemeinsam mit seinem Kollegen Markus Sahr will er dem Leipziger Publikum fünf portugiesischsprachige Autoren vorstellen.

Was auf der Bühne zunächst wie eine ungleiche Schulklasse wirkt, sind zum Teil literarische Schwergewichte: Ganz links sitzt Mia Couto, der in Feuilletonkreisen schon mit dem Nobelpreisträger José Saramago verglichen wurde, neben ihm Gonçalo M. Tavares, der in Portugal bereits über 30 Bücher veröffentlicht hat. Dann sind da noch Patricia Portela, die neben dem Schreiben Dramaturgin ist und von sich sagt, sie »entwerfe Parallelwelten«; außerdem Kalaf Epalanga, (Mit-)Begründer der legendären angolanisch-portugiesischen Band Buraka Som Sistema, und schließlich Dulce Maria Cardoso, Preisträgerin des Literaturpreises der Europäischen Union.

Portugiesische Entdeckungen in Leipzig. © Marie Kraja
Portugiesische Entdeckungen in Leipzig. © Marie Kraja

Eigentlich sprengt schon die Vorstellung so unterschiedlicher Autoren den Rahmen – ganz zu schweigen von ihren Büchern. Aber Michael Kegler bleibt entspannt. Er übersetzt die Autoren, übersetzt sich selbst, schlägt dem einen oder anderen kumpelhaft auf die Schulter. Und Markus Sahr entlockt den Autoren ganz nebenbei die schönsten Geschichten: Wie der in Mosambik lebende Mia Couto in New York einmal erklären musste, dass er keine dunkelhäutige Frau ist. Wie Kalaf Epalanga ein Restaurant in der Lissaboner Innenstadt angeboten bekam, nur weil er als begeisterter Anzugträger (»selbst wenn ich Brot kaufe, sehe ich so aus«) für einen reichen Angolaner gehalten wurde.

Die Bücher fallen bei diesem Gespräch etwas unter den Tisch, was bei der Fülle an Lebens- und Sprachwelten auf der Bühne nicht verwunderlich und nicht einmal bedauerlich ist. Die kleinen Einblicke, die der Zuhörer in das Werk der Autoren bekommt, sind dafür umso erhellender: Der Protagonist in Patricia Portelas neuem Roman »A Coleção Privada de Acácio Nobre« ist – ein absurder Zufall? – Angestellter in einer Fabrik in Rudolfstadt, die Geduldspiele herstellt. Er schreibt passionierte Briefe an einen portugiesischen Politiker: Wenn doch nur allen Menschen zeichnen beigebracht würde, vielleicht könnten sie sich dann eine bessere Welt vorstellen? Gonçalo M. Tavares spricht in seinem bisher unübersetzten Roman »O Senhor Brecht« so pointiert über brennend aktuelle Themen wie Identität und Alterität, dass einem die Spucke wegbleibt: Ein Mann, den man darum bat, den Hut abzusetzen, weigert sich so lange, bis ihm das Volk mittels Guillotine den Kopf abhackt. Die Menge stellt hernach betreten fest: Das war gar kein Hut, so sah sein Kopf eben aus.

In den Köpfen dieser Autoren sind Welten, die viel weiter als bis nach Portugal oder Angola reichen. Der Wermutstropfen: Bis auf Gonçalo M.Tavares und Mia Couto ist bisher keiner der Autoren ins Deutsche übersetzt worden. Das sei nach Michael Keglers Meinung skandalös, und für das deutsche Publikum auch sehr traurig: »Acácio Nobre« und »Senhor Brecht« würden der deutschen Literaturlandschaft sicherlich gut stehen.

Beitragsbild: Roman von Patricia Portela. © Marie Kraja


Die Veranstaltung: Portugiesischsprachige Autoren zu Gast in Leipzig, Moderation: Michael Kegler, Markus Sahr, Telegraph, 23.3.2016, 18.30 Uhr

Die Bücher:

  • Mia Couto: Das Geständnis der Löwin. Aus dem Portugiesischen von Karin Schweder-Schreiner, Unionsverlag, Zürich 2014, 272 Seiten, 19,95 Euro
  • Gonçalo M. Tavares: Die Versehrten. Aus dem Portugiesischen von Marianne Gareis, DVA, München 2012, 240 Seiten, 19,99 Euro

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Die Rezensentin: Marie Kraja

 


 

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