An Assoziationsketten durch das Jahrhundert

Im Haus des Buches sollte der ungarische Weltautor Péter Nádas aus seinem neuen Buch »Aufleuchtende Details« lesen. Leider sagte er kurzfristig ab. Wie die Veranstaltung trotzdem funktionierte und warum Nádas diesmal ohne Stil und Fiktion schreiben wollte.

Am Telefon wird es mir mehrfach bedauernd mitgeteilt, im Leipziger Haus des Buches sind damit konfrontierte Gäste unangenehm überrascht: Péter Nádas wird nicht kommen. Seine Frau ist krank, er möchte lieber bei ihr in Budapest bleiben. Das Haus des Buches hätte die Veranstaltung nun absagen können, doch stattdessen erlauben sich die Organisatoren ein Risiko. Sie lassen Jörg Magenau und Jörg Plath als Gesprächspartner auftreten und ziehen die bekannte Schauspielerstimme Christian Grashofs hinzu, damit er aus Nádas’ neuem Buch vorlese. Voilá, der Abend steht wieder!

Sowohl Magenau als auch Plath sind Péter Nádas schon persönlich begegnet. Ersterer besuchte den Autor 2012 in seiner Geburtsstadt Budapest, Plath hatte 2017 auf der Frankfurter Buchmesse das Vergnügen. Aus dieser Begegnung stammen auch die O-Töne, die während des Abends immer wieder eingespielt werden, um Nádas’ bedächtige Stimme nicht vollständig aus der Veranstaltung auszuklammern. So entsteht ein Mosaik der Perspektiven, eröffnet von Jörg Magenau. Er hat 2012 ein mit leiser Bewunderung gespicktes Portrait über Nádas geschrieben und liest eine gekürzte Version vor, um das Publikum mit dem 75-jährigen Autor vertraut zu machen. Doch bei einem Großteil der Zuhörer scheint das nicht nötig zu sein. Es sind vor allem kultivierte Senioren gekommen, ich fühle mich wie in einem etablierten Fanclub. Neben der aufgeräumten kleinen Wohnung und den »melancholischen Cordhosen« des Weltautors schildert Magenau vor allem seine ebenso sprunghafte wie dezidiert genaue Art, die Welt und seine Erinnerungen darin zu betrachten. Nádas könne ein Ausdauerkünstler genannt werden, jeder Roman ist über 1.000 Seiten stark. Im Vergleich zum Monumentalwerk »Parallelgeschichten« (2012, 1.728 Seiten) wirkt »Aufleuchtende Details« mit 1.278 Seiten beinahe schlank, wie Jörg Magenau mit ironischem Lächeln bemerkt.

»Memoiren eines Erzählers« lautet der Untertitel. Auf der Frankfurter Buchmesse machte Nádas deutlich, dass es keine Memoiren bezüglich seiner schriftstellerischen Karriere werden sollten, denn dafür habe er nicht viel Interesse. Vielmehr habe er alles Fiktionale weglassen und sogar »ohne Stil schreiben wollen«. Beim Lesen des Buches fällt nun nicht unbedingt seine Stillosigkeit auf, aber so mancher Leser verwechselt hier wohl Stil mit reiner Persönlichkeit. Nádas schreibt, als würde er sich in diesem Moment in seinen Erinnerungen treiben lassen. Und es handelt sich um unzählige Erinnerungen, ein ganzes Leben und darüber hinaus. Im Kern geht es um die Jahre zwischen Nádas’ Geburt 1942 und der Ungarischen Revolution 1956, aber dennoch umfasst »Aufleuchtende Details« das gesamte 20. Jahrhundert.

Er hat auch in anderen Quellen recherchiert, die Memoiren seiner Verwandten auf ihre Stichhaltigkeit überprüft. Doch alles führt immer wieder zurück zu Nádas. Immer wieder geht es um Gewalt, die Dinge, die Menschen einander antun, »lynchen« und »Mob« sind häufig auftauchende Begriffe. Dann wieder vertieft sich der Erzähler in seitenlange Miniaturen über Schulfreundschaften, Budapester Wohnungen, oder Essgewohnheiten – Gnade Gott, wenn die Suppe nicht dampfend heiß auf den Tisch kam oder das edle Tischtuch einen Riss hatte. Selbst in seiner Schilderung der Waschfrauen, die anhand der Flecken auf der Wäsche ihrer Herrschaften genau wussten, was hinter verschlossenen Türen vorging, wird Nádas’ Ton weder boshaft noch übermäßig humoristisch – er erzählt einfach. Schmunzeln muss ich trotzdem. Magenau nennt es eine Überfülle an Details, fragt: »Brauche ich das alles? Nein! Aber am Ende kommt dann trotzdem etwas Interessantes heraus.«

© rowohlt Verlag

Es scheint, als habe Nádas als grenzenlos dehnbare Präsenz über allen Vorgängen seiner Zeit geschwebt, um sie genauestens zu studieren und Jahre später aufzuzeichnen. Nádas ist ebenso Fotograf wie Schriftsteller, und so nimmt er das vom Krieg erschütterte Europa ins Visier, nur um dann wieder auf kleinste Einzelheiten des täglichen Lebens zu fokussieren. Das Ungewöhnlichste: Der Autor folgt dabei keinem roten Faden, keiner zuvor festgelegten Struktur, sondern, wie er sagt, seinen Assoziationsketten. Diese entspringen Nádas’ ganz individueller Art des Denkens und enthüllen somit seine Persönlichkeit. Denn was sonst sollte einen Menschen in seinen innersten Wesenszügen prägen, wenn nicht die Szenen, Erlebnisse, Details, die sein Leben bestimmen und schließlich in seiner Erinnerung aufleuchten?

Die Veranstaltung lebt davon, dass Jörg Plath und Jörg Magenau schon früher auf Péter Nádas stießen und seinem Lebenswerk nicht nur mit distanziertem Interesse, sondern vielmehr ehrlicher Wertschätzung begegnen. Und Christian Grashofs warme, holzige Stimme holt die Erinnerungen des Autors noch weiter aus dem Buch heraus. Dabei neigt sich so mancher Kopf im Publikum andächtig zur Seite.

Fazit: Dieses Buch ist nichts für Sie, wenn Sie Wert auf einen roten Faden legen und nur gelegentlich mal ein Kapitel lesen wollen. Wenn Sie in den Gedankenstrom von Péter Nádas eingetaucht sind, gibt es lange kein Zurück mehr.

Beitragsbild: Jörg Magenau, Jörg Plath und Christian Grashof im Leipziger Haus des Buches. © Alexandra Huth


Die Veranstaltung: Jörg Magenau im Gespräch mit Jörg Plath. Lesung: Christian Grashof. Haus des Buches Leipzig, 20.11.17, 19.30 Uhr

Das Buch: Péter Nádas: Aufleuchtende Details. Reinbek bei Hamburg 2017, 1.278 Seiten, 39,95 Euro, E-Book 29,99 Euro


 

 

Die Rezensentin: Alexandra Huth

 


 

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