Alte Männer haben keine Zukunft

Lothar Becker erzählt von einem neunjährigen, alten Mann, der zu einem Jungen wird.

Es ist das Jahr 1969, aber die Stimmung ist nicht von der 68er-Bewegung, sondern von der Nachkriegszeit geprägt. Dies ist die Welt, in der Lothar Beckers Protagonist aus »Bubble Gum 69« aufwächst. Man hört Beckers Stimme beim Lesen an, dass er aus der DDR stammt, allerdings spielt das kaum eine Rolle. Vielmehr überwiegen der Sprachwitz und der Blick fürs Detail bei den festgehaltenen Beobachtungen eines Kindes. Handlungsort ist dabei eine Kleinstadt, irgendwo und nirgendwo, mit vier Straßen, die den ganzen Horizont darstellen und unüberwindbar wirken. Die Mitmenschen um ihn herum sieht der Junge als »alte, graue Fossilien, wie ich« und er stellt fest »es regnete viel in diesen Tagen, schon aus Prinzip«. Dabei tragen die Alten unförmige Holzbeine, reden von Adolf, aber erzählen nicht von Kriegserlebnissen.

Stattdessen haben sie Angst davor, abgeholt zu werden. Weil man zu schlau ist, weil man zu dumm ist oder einfach nur, weil man über das Abholen redet. In der Kirche gibt es regelmäßige Weltuntergangspredigten, die dem ständigen Fehlverhalten der alten Männer die Konsequenzen am Tag des Jüngsten Gerichts androhen. »Und wann wird das ungefähr sein?«, fragt einer der Alten und erhält keine Antwort.

© Eulenspiegel Verlag
© Eulenspiegel Verlag

Becker gelingt es, die banalsten Dialoge durch erzählerische Pausen und Betonungen zur Unterhaltung zu machen. Beispielsweise gerät das regelmäßige Röntgen von Arztpatienten allein durch das Vorlesen zur Lachnummer. Becker wechselt beim Lesen stetig zwischen Arzt, der bei »Röntgen« das »g« wie ein »k« ausspricht, und dem Erzähler, der aus dem »g« ein »ch« macht, und zieht diesen Dialog über eine gefühlte Ewigkeit. Schließlich verlässt der Protagonist den Arzt nach mehrmaligem Röntgen mit einem schwindeligem Gefühl und dem Eindruck, von innen heraus zu strahlen.

Auch sonst haben die grauen Menschen um den Jungen, der gleichzeitig ein alter Mann ist, einiges an Eigenarten vorzuweisen. Einer von ihnen durchblickt gar das gesamte Gefüge der Welt. Denn alles besteht aus fünf Grundformen: Klotz, Strich, Kugel, Wulst und Klumpen. Wobei die Klumpen in der Überzahl und sowieso das meiste verklumpt sei, zum Beispiel Körper oder Lebensmittel.

Trotzdem bleibt der neunjährige Junge nicht für immer ein alter Mann, nicht ohne Grund vermittelt der Titel »Bubble Gum 69« ein Gefühl von Farben und Lebenslust. Lothar Becker ist durchaus gewillt, den Zuhörern im Forum Literatur auf dem Messegelände vom Wechsel von Bubble Gum auf Hitschler-Kaugummi und der folgenden Offenbarung zu berichten. Leider guckt er vorher auf seine Uhr und fragt nach: »Vorbei? Muss ich jetzt mit Scheiße aufhören?« Die Antwort lautet »Ja.« Für die Besucher gibt es dafür umso mehr Grund, seinen Roman aufmerksam bis zum Ende zu lesen.

Beitragsbild: Lothar Becker liest im Literaturforum. © David Regner


Die Veranstaltung: Eine Zeitreise voller hintergründiger Ironie und schwarzem Humor, Messegelände/Forum Literatur Halle 5, 26.3.2017, 15.30 Uhr

Das Buch: Lothar Becker: Bubble Gum 69. Eulenspiegel, Berlin 2016, 192 Seiten, 17,99 Euro, E-Book 14,99 Euro


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Der Rezensent: David Regner

 

 


 

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