Absonderlich schön

Der schweizer Autor Michael Fehr macht Sprache zu Musik und Lesung zu Theater.

© Der gesunde Menschenversand
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Michael Fehr. © Franco Tettamanti
Michael Fehr. © Franco Tettamanti

Dieser Mann ist nicht von dieser Welt. Er sitzt vor dem Publikum, streckt sich, fällt wie eine Marionette wieder in sich zusammen. Seine Hände streichen über die Beine, streicheln das Mikrofon. Er steht auf, singt einen Blues, setzt sich wieder. Immer ist sein Blick irgendwo anders, in seinen Ohren hat er Kopfhörer. Was er da wohl hört, in dieser anderen Welt? Ob wir das auch verstehen können?

An einer Tafel hinter Fehr steht irgendetwas mit Gin, die Deko oszilliert zwischen buddhistischem Tempel und Partykeller. Das Publikum ist sehr leise an diesem Abend. Inmitten des geschmacklosen Allerlei des Café Puschkins wirkt das, was hier passiert, unglaublich. Dabei geht, wer »Glanz und Schatten« gelesen hat mit großen Erwartungen in diese Lesung. Fehr, der schon für seine Kriminalgeschichte »Simeliberg« hochgelobt wurde, hat in seinem neuen Band 18 kurze Textstücke versammelt, die sehr unterschiedliche Welten und Stimmungen transportieren. Virtuos geschrieben sind sie fast alle. Seine Sprache kondensiert auf sehr kleinem Raum sehr viel Welt. Eine lyrische Prosa ungleichmäßig über die Seiten des kurzen Büchleins verstreut, voller Neologismen und absonderlicher Ausdrücke: hier wird »untenfür geplättelt«, dort »holpert es inseits«.

Dabei sind die Geschichten in »Glanz und Schatten« sehr unterschiedlich. »Ein Rebhuhn auseinandernehmen« beispielsweise ist ein Dialog zwischen Meister und Lehrling, in dem minutiös das Schlachten des Tierchens zelebriert wird. Plötzlich wird das Rebhuhn zum »Rebberg« mit dunkelgrünen Blättern, dunkelbraunen Stämmen und dann kommt wieder der Schraubstock. Ein seltsamer, abartiger Humor, der an anderer Stelle in dadaistische Komik übergeht, wie in der Geschichte »Welch Einfall« in der eine Mutter mit einem violetten Helm durch den Mond und wieder zurückfliegt. Es entsteht der Eindruck einer Grenzwanderung zwischen einer alten Welt, die nicht mehr ist, deren Themen uns aber jeden Tag begegnen und einem fragilen Traum, der diese Welt bereichert, nahtlos in sie übergeht.

Michael Fehr im Café Puschkin. © Marie Kraja
Michael Fehr im Café Puschkin. © Marie Kraja

So besonders dieser Text ist, Fehrs Stimme übertrifft ihn. Fehr, der an juveniler Makuladegeneration, einer Augenkrankheit, leidet, schreibt nicht, er spricht. Seine Werke entstehen durch Diktat. Das ist auch heute Abend spürbar: in seinem kräftigen schweizer R, den vielen Alliterationen und dem Kratzen seiner Stimme. Literatur ist hier eine mündliche Praxis, sehr nah an der Musik. Erstaunlich, was die deutsche Sprache alles kann.

Als Fehr gehen will, kommt Protest auf. Für einen kleinen Moment fällt er aus der Rolle der zauberhaften Sprachmarionette. Er wisse nicht, wie man das hier mache, mit dem Abgang. Ob das Publikum einmal etwas auf Englisch hören wolle. Ja! Als er fertig ist, wieder Stille. Dann klatschen alle ein bisschen zu lange und es fühlt sich irgendwie so an, als wäre dies keine Lesung, sondern ein Konzert gewesen – oder doch ein Theaterstück?

Beitragsbild: Michael Fehr. © Franco Tettamanti


Die Veranstaltung: Michael Fehr: Glanz und Schatten, Moderation: Matthias Burki, Café Puschkin, 24.3.2017, 20.30 Uhr

Das Buch: Michael Fehr: Glanz und Schatten. Der gesunde Menschenversand, Luzern 2017, 144 Seiten, 19,00 Euro


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Die Rezensentin: Marie Kraja

 


 

 

 

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